Tom Petty – Finding Wildflowers (Alternate Versions)

Tom Petty – Finding Wildflowers (Alternative Versions)
Quelle: Warner Music

Im Herbst 2020 erschien „Wildflowers & All the Rest“ (siehe Kritik bei mobilefidelity), eine Neuveröffentlichung von Tom Pettys 1994er „Wildflowers“-Album. Dem Vernehmen nach dachte Petty aufgrund der Materialfülle der Sessions über ein Doppelalbum nach, einzelne Songs wurden anderweitig verwendet. Die neue Zusammenstellung samt dem angedachten „Restmaterial“ enthielt in ihrer CD-Fassung der „Super Deluxe Edition“ ein weiteres Album, „Finding Wildflowers (Alternative Versions)“. Darauf befinden sich – der Name sagt es bereits – alternative Studioversionen eines Großteils der Album-Setlist, dazu drei weitere Songs. Das Album war bislang nicht separat oder im Download-Paket der Super-Deluxe-Veröffentlichung erhältlich, mittlerweile wurde es einzeln veröffentlicht.

Getragener Alternative-Country-Rock

Passend zum Konzept, der „Richtungsfindung“ des Albums, sind teilweise das Einzählen sowie kurze Kommentare der Musiker vor oder nach den Songs zu hören. „Finding Wildflowers“ beginnt mit der Uptempo-Nummer „A Higher Place“, etwas rauer und weniger ausproduziert, verglichen mit der Albumversion; das Stück geht angenehm voran, wirkt aber gleichzeitig etwas belanglos. Anders „Hard on Me“: Die Midtempo-Ballade wird hier nicht mehr vom Orgel-Sound und einer merkwürdig kurzen Snare dominiert – stattdessen tragen Akustikgitarre, Keyboard und Piano Pettys Gesang gleichermaßen. Die unpathetische Stimmung untermalt den Zwiespalt des Erzählers, der gefangen in den Wirren einer schwierigen Beziehung scheint; ein erster Höhepunkt. Die Rock’n’Roll-Nummer „Cabin Down Below“ ist ebenfalls befreit von der knalligen Snare und dem zischenden HiHat des „Originals“. Die Fassung startet mit einem wohlig-krachend übersteuerten Gitarren-Amp und läuft rund durch. Die überbetonte Südstaaten-Nöligkeit als Kunstgriff nahe der Karikatur behält Petty bei seinem Gesang bei – das muss man mögen. Eine akustische Version ist ebenso enthalten, bei der Petty den Gesang weniger am Charakter der Figur orientiert.

„Crawling Back to You“ blüht in der alternativen Version auf: Statt allzu festgezurrten Einzelelementen bleibt hier die gemeinsame Spielfreude der Band hörbar, die Melodie des Songs mit ihrem Potenzial als Petty-Evergreen kommt deutlicher zum Vorschein – ein weiterer Höhepunkt. Die „offenere“ Atmosphäre hilft auch sonst: Die Ballade „Only a Broken Heart“ wirkt trauriger, unaufdringlich berührender, ohne die kurzen, isolierten Besenschläge der ursprünglichen Veröffentlichung.

„Drivin‘ Down To Georgia“, ein flotter Rockabilly-Style-Song, wurde bisher nur live gespielt – die Nummer lässt sich mit ihrem rollenden Rhythmus und den melodischen Einwürfen gut hören. „You Wreck Me“ ist auf „Finding Wildflowers“ akustischer gehalten und in tieferer Tonlage gespielt, was mehr Raum für Zwischentöne lässt  und eine gelungene, nicht minder eindringliche Fassung bietet. „It’s Good to Be King“, mit Besen gespielt, bleibt ruhiger und reduzierter. Dabei verzichtet die frühe Version noch auf einzelne prägende Melodie-Licks. Die melancholische Atmosphäre wirkt hypnotisch, wenngleich die rockigere Albumfassung den Hit-Charakter des Songs deutlicher unterstreicht. Die Performance des langsam-schnaubenden Blues-Rockers „House in the Woods“ unterscheidet sich nur marginal von der Album-Fassung, bietet atmosphärische Gitarren-Einwürfe. Statt komprimiertem „Led Zeppelin“-Raum-Drum-Sound wurde bei der Produktion allerdings auf einen gemeinsamen Fluss gesetzt, mit mehr Luftigkeit. Die Albumvariante bringt den Song auch hier noch mehr auf den Punkt, die alternative Fassung bietet dafür mehr Luftigkeit. „Honey Bee“ klingt ungezwungen rockiger, weniger in eine Form gepresst – das lädt intuitiver zum Mitwippen ein; ein Anspieltipp. „Girl on LSD“, ursprünglich als Single-B-Seite veröffentlicht, hat augenzwinkernden Charakter: Petty dekliniert Frauenbekanntschaften mit Hang zu unterschiedlichen Drogen durch. Das Ergebnis erinnert stellenweise entfernt an „Ring of Fire“ und Abzählreime, funktioniert aber musikalisch brauchbar.

Der Titelsong und ursprüngliche Opener erscheint hier mitten im Album, er wirkt ebenfalls beiläufiger, weniger aufdringlich produziert – das lässt sich gut hören. „Don’t Fade on Me“, eine eindringlich-beklemmende akustische Blues-Folk-Nummer, klingt in der alternativen Version ebenfalls einen Hauch reduzierter. Das lässt dem Hörer mehr Raum, um sich in das Stück fallen zu lassen. Die Akustikgitarren sind in der Variante im Stereobild verteilt, statt beide in der Mitte zu liegen. Trotz der leicht ruhigeren Fassung vermittelt Pettys Performance die Verzweiflung des Protagonisten ungebrochen. Die langsame Bluesrock-Nummer „Wake Up Time“ gewinnt in der vorliegenden Version atmosphärisch: Statt zentraler Klavierrhythmik kommt der Gesamtfluss deutlicher heraus, die erfrischenden Akkordwechsel werden gut hörbar. Mit „You Saw Me Comin‘“ schließt eine unveröffentlichte Nummer die 16 Stücke. Die behutsame Midtempo-Pop-Nummer fällt durch interessante Akkordwechsel auf, bleibt aber dynamisch eintönig.

Unaufdringliches Klangbild

Während das „Wildflowers“-Album teils dünn und hell klang, mit stark komprimierten Einzelklängen, begeisterte das „All the Rest“-Bonusmaterial durch dreidimensionale Mischungen mit vollem, luftigem Fundament. An jenen Sound reicht „Finding Wildflowers“ in punkto Klangfülle und Transparenz nicht ganz heran. Dennoch bietet das Album ein unaufdringliches Klangbild im Vergleich zum 1994er Album: Die Elemente fließen homogen zusammen, hörbare Einzelkompression wird gezielt als Effekt – etwa auf manchen Klavierspuren – statt als generelles Stilmittel eingesetzt. Ein kleiner Wermutstropfen: Die Akustikgitarre in „A Higher Place“ klingt dynamisch merkwürdig steril, was das Ergebnis demohaft erscheinen lässt. Das mag den Umständen der Aufnahme – möglicherweise per internem Tonabnehmer – geschuldet sein. Insgesamt fällt der Mix des Albums sehr dynamisch aus, ohne Lautheitsgrenzen auszuloten.

Was bleibt? Die neuen Blickwinkel der „Wildflowers“-Stücke funktionieren weitgehend spannend (besonders „Crawling Back to You“, „Hard on Me“, „Honey Bee“ oder „Wake Up Time“), die zusätzlichen Songs (bis auf „Drivin‘ Down to Georgia“) erscheinen eher als Dreingaben. Darüber hinaus lädt die unaufdringliche Abmischung dazu ein, nun das Potenzial mancher Songs zu erschließen. Eine 96 kHz/24 Bit-Variante des Audio-Materials ist bei Hires Audio erhältlich.

TOM PETTY – FINDING WILDFLOWERS (ALTERNATIVE VERSIONS)

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 9
Klang 8
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