Serena Ryder – The Art of Falling Apart

Serena Ryder – The Art of Falling Apart
Quelle: arthausmusic.com

Die „Kunst des Auseinanderfallens“? Der Albumtitel der 38-jährigen kanadischen Singer/Songwriterin klingt scheinbar nach einer Glorifizierung des Scheiterns – oder einer schlichten Bestandsaufnahme der Untiefen des Lebens, etwas schicker verpackt. „The Art of Falling Apart“ ist bereits das achte Album von Serena Ryder, die in Kanada Gold- und Platin-Erfolge erreicht hat. Musikalisch mischt sie „klassische“ Folk- und Pop-Einflüsse mit Elektro-Pop und Retro-R&B. Soviel vorweg: Überraschend ist dabei, dass das Ergebnis deutlich zeitloser anmutet als übliche Charts-Produktionen.

Elektro-Pop mit „Folk-R&B-Songwriter-Kern“

„I’m Candy / I’m sweet“ lautet die Hookline des Openers „Candy“. Das mag, für sich genommen, banal erscheinen – die direkte Botschaft baut sich allerdings um einen komplexeren Text auf, der Verständnis und Einfühlungsvermögen für Ecken und Kanten fordert. Der Refrain geht direkt ins Ohr. Neben behutsam-vertracktem, dunklen Elektro-Beat führt eine lebendige E-Bass-Linie durch den Song, dazu kurze Synthesizer-Riffs. Die abgeklärte, unaufdringliche, mittelhohe Gesangsstimme, unpathetisch und schlicht einnehmend, ist leicht im Retro-Stil verhallt. Hier erzählt offenbar jemand mit Lebenserfahrung, ohne gleichzeitig die Welt erklären zu wollen. Ryder verzichtet auf das im R&B-Pop-Bereich oft leiernde Gesangsvibrato oder überkandidelte Verzierungen. Stattdessen bringt sie die passende Energie auf den Punkt. Der eingängige erste Song klingt bereits nach einem Klassiker im Portfolio der Sängerin – ein Höhepunkt. Und weiter geht’s: „Waterfall“ setzt ebenso auf Elektro-Pop mit R&B-Anklängen, dazu ein unaufdringlicher Offbeat-E-Bass, dezente Bongos – und erneut ein eingängiger Refrain, der einhüllt.  Die Botschaft erweist sich als interessant lebensnah: Ryder macht dem Hörer ein Gesprächsangebot; statt der oft plakativen Botschaft „sei stark“, vermittelt Ryder das Gegenteil, man müsse nicht immer stark sein („It’s too heavy a Load / Let it go before your Back gets broke“).

Retro-Elemente ohne „Staub“

In „Thinking About You“ spielt die Bassgitarre noch eine prominentere Rolle, das Schlagzeug wird noch experimenteller. Im Arrangement erinnert das Stück deutlicher an alte Soul-Platten – ohne als Kopie zu enden. Die ungewohnt dekonstruierte Variante mit dem frontalem E-Bass, Minimal-Dub-R&B-Beat und Claps schafft mühelos den Spagat zwischen unaufdringlicher Lounge-Beschallung, Disco-R&B-Pop und Indie-Anspruch. „Bus Stop“ beginnt unkonventioneller mit einem breiten Synthesizer und entwickelt sich zu einer Midtempo-Nummer mit hoch gesungener Stimme. Serena Ryder singt über jene Bushaltestelle, die schließlich nirgendwohin führte. „Kid Gloves“ erinnert atmosphärisch an Aretha Franklin, wobei der tanzbare, melodische Refrain frühe R&B-Discoanleihen aufgreift. „Better“, eine der Singles, setzt auf ein E-Gitarren-Lick, darüber Retro-Drums, Synthesizer und wunderbar rhythmische Gesangsphrasierungen. Und hier „lüftet“ sich das Geheimnis um die „Kunst des Auseinanderfallens“, die Textzeile entstammt dem Song: Demnach rät die Erzählerin dazu, Erfahrungen zuzulassen und sich nicht jede Bürde aufhalsen zu müssen. Das verpackt Ryder in gelungene Zeilen (Nur ein Beispiel: „It’s not a Party if it happens every Day / It’s not Medicine if it just makes the Symptoms go away“) – vermeintlich selbstverständlich Erkenntnisse, allerdings griffig auf den Punkt gebracht – ein weiterer Höhepunkt. Die Ballade „Differently“ ist ungewöhnlich arrangiert, mit Snaps, Schellenkranz, E-Piano und E-Bass, dazu verhallter Gesang und männliche Background-Stimmen. Ryder weist behutsam auf Fehler in vergangenen Beziehungen hin. Am Ende wird die Stimme aus dem Hall herausgezogen – praktisch ein gefühltes „Ankommen“ im Hier und Jetzt. „Used to You“ wird durch ein synkopiertes E-Gitarren- und Bass-Riff getrieben, dazu swingende Drums, im Refrain schließlich eine Funk-Gitarre und Synth-Untermalung. Mit „Back to Myself“ schließt eine Ballade mit Minimal-Rhythmus und Retro-Federhall die zehn Stücke, die größtenteils jeweils unter drei Minuten sind.

Lebendige, aufgeräumte und begeisternde Produktion

Was macht die Platte so besonders? Die Songs erscheinen ehrlich, sie sind sorgfältig produziert und lassen die elektrischen wie akustischen Sounds gut klingen: Voll, dreidimensional, in einem geordneten, atmosphärisch ergreifenden Mix. Dabei verzichtet die Produktion auf unnötige Füllelemente, jeder Song besteht nur aus Elementen, die eine wichtige Funktion übernehmen. Die Hallfahnen sind klar ortbar. Statt rücksichtslos die Fahnenstange der Lautheit zu erklimmen, ist die Platte behutsam „kräftig“ produziert. Abgesehen von gewünschter ästhetischer Kompression und Sättigung bei einzelnen Elementen sind keine unangenehmen Artefakte wahrnehmbar – kein „Sägen“ im Hochmittenbereich beim Gesang oder penetrant zischende HiHats. Das Bassfundament bleibt ebenfalls „rund“ erhalten.

Und sonst? Die Texte Ryders bieten, wie erwähnt, nicht die oft ähnlichen, leeren Pop-Worthülsen, die jeden Moment im Leben als Feuerwerk oder rauschende Party beanspruchen oder die eigene Zukunft als unaufhaltsame Rakete darstellen. Sie singt die Textzeilen zudem unprätentiös, nicht als absolute Weisheiten, sondern eher als Lösungsvorschläge. Ihre Stimme klingt gesetzter als bei früheren Platten, auch stilistisch scheint sie nun „angekommen. „The Art of Falling Apart“ stellt ein Vorbild dar, wie eine moderne Produktion klingen kann, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern und ohne aufgesetzt modern oder retro zu klingen. Dem zu Grunde liegen zeitlos gelungene Songs. Die Mischung sucht ihresgleichen in der Pop-Landschaft.

SERENA RYDER – THE ART OF FALLING APART

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 9
Klang 10
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