Paul McCartney – McCartney III

PAUL MCCARTNEY – MCCARTNEY III
Bild-Quelle: UMG Recordings, Inc. / Universal Music

Mit seinen nunmehr 78 Jahren hat Paul McCartney den Lockdown produktiv genutzt, um allein ein Album einzuspielen. Die „III“ folgt der Logik seiner bisherigen Geschichte solo aufgenommener Alben: 1969 bis 1970 entstand – kurz vor dem Ende der Beatles – „McCartney“ als raues Home-Recording auf einer Vierspur-Bandmaschine. Bis auf gelegentliche Beiträge seiner Frau Linda entstand die Platte allein. 1980 folgte „McCartney II“, diesmal mit Synth-Pop-Sounds. Die aktuelle Nummer drei ist sein 18.Album, bis auf zwei einzelne Beiträge komplett von dem Ex-Beatle eingespielt.

Experimentelle Retro-Rock-Arrangements

„Long Tailed Winter Bird“ beginnt das Album als grundtöniges Akustik-Pop-Experiment, mit zahm-gedämpfter Grunge-Gitarre, Synth-Sounds und pompösen Drums. „Find My Way“ erscheint als eingängiger Popsong mit leicht angerauter Stimme – abwechslungsreich arrangiert mit Mellotron-Einlagen, geschäftiger Percussion, kratziger Snare; ein Anspieltipp. „Pretty Boys“ geht mit gelungenen Melodien ebenfalls ins Ohr und basiert auf einem Akustikgitarren-Zupf-Pattern mit fast elektronisch glatt klingenden Drums. Die melancholische Popnummer „Women And Wives“, geprägt von Klavierakkord-Kaskaden und einem versetzten Drumbeat, singt McCartney betont nölig; das stört im Kontext des angenehm beruhigend wirkenden, knapp dreiminütigen Stücks jedoch nicht.

Zwischen Blues, Stoner-Rock Downbeat und Folk

„Lavatory Lil“, ein kurzer, flotter Blues-Pop-Stomper, schafft das seltsame Kunststück, gleichzeitig einseitige Monotonie zu verströmen und trotzdem gute Laune zu verbreiten. „Deep Deep Feeling“ kombiniert Retro-, Ambient- und Downbeat-Ansätze, mit verfremdeten Gesangsklängen und fast minimalistischem Arrangement – das geht überraschend gut auf. „Slidin‘“ – mit Gastbeiträgen von Drummer Abe Laboriel Jr. und Gitarrist Rusty Anderson, beides langjährige Bandmitglieder McCartneys – verbindet gefühlt die epochale Weite von Stoner-Rock mit Blues, ebenfalls ein spannendes Experiment. „The Kiss Of Venus“ besinnt sich als interessante Folkballade auf McCartneys Akustikgitarre – mit tollem Refrain. „Seize The Day“ – ein fröhlicher Rock-Song, dessen E-Gitarren-Licks an George Harrison erinnern – stellt einen der Höhepunkte dar; lediglich die dicht aneinandergereihten Strophen lassen das Arrangement latent gehetzt erscheinen. Das soulige „Deep Down“ setzt auf synthetische Sounds, mit bearbeiteten Drum-Sounds und Synths, die allesamt an 1980er-Jahre-Ästhetik erinnern – die künstlichen Bläserklänge sind dabei gewöhnungsbedürftig, ansonsten weckt der Stilmix zwischen Retro und 1980er-Sounds grundsätzlich Neugierde. „Winter Bird / When Winter Comes“ schließt die elf Songs. Das Stück hat dem Vernehmen nach die Arbeit am Album ausgelöst, um – so McCartney – mit „Altlasten“ aufzuräumen; das Stück begann er in den 1990er Jahren, seinerzeit war noch George Martin als Produzent beteiligt, weshalb der hier als Co-Producer gelistet wird. Das kurze Intro mit flottem Akustik-Lick in Richtung „Blackbird“ macht Lust auf mehr, der Song selbst erscheint hingegen zunächst als leicht eintönige Midtempo-Folk-Ballade samt Naturbeschreibungen. Das Ergebnis überzeugt schließlich doch, trotz oder wegen der Vorhersehbarkeit des Songs.

Insgesamt merkt man McCartney den Spielspaß und die Lust, im eigenen Studio zu experimentieren, ungebrochen an. Die teils unkonventionellen Arrangements gehen bei den meisten Stücken auf – darüber hinaus klingt und wirkt McCartney weit jünger als sein Alter vermuten lässt; eigentlich schlicht zeitlos.

Komprimierte Ästhetik

Beim Klang setzt die Produktion auf ästhetisch hörbar komprimierte Einzelsounds – ähnlich wie etwa bei der Beatles-Nummer „Lady Madonna“. Dadurch klingen die teils sparsamen Arrangements unheimlich dicht; gleichzeitig erscheint es stellenweise fast demohaft rau, als wäre gelegentlich jemand beim Einstellen für die Aufnahme übers Ziel hinausgeschossen. Das verleiht dem Ergebnis meist jedoch den Hi-Fi/Lo-Fi-Charme von spontanem Homerecording mit aufwendigem Equipment. Durch die gewollte Kompression der Signale fällt „McCartney III“ recht laut aus, was musikalisch jedoch funktioniert. Minimal unangenehme Höhenspitzen stören eher das sonst gelungene „Retro-Elektro-Pop“-Erlebnis. Passend zum Lo-Fi-Gedanken des ersten „McCartney“-Albums wurde die Nummer 3 übrigens auch auf Kassette veröffentlicht.

PAUL MCCARTNEY – MCCARTNEY III

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 8
Klang 8
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