Offener Over-Ear-Kopfhörer HEDD Audio HEDDphone

Offener Over-Ear-Kopfhörer HEDD Audio HEDDphone

Es gibt viele Menschen, die ihren Ruhestand herbeisehnen, um sich dann ihren Hobbys zuwenden zu können. Wer hingegen nach Erreichen des Renteneintrittsalters nochmals ein Unternehmen gründet, wie es Klaus Heinz mit seinem Sohn Dr. Frederick Knop 2015 mit der Firma HEDD tat, der ist erfüllt von seiner Tätigkeit und empfindet Leidenschaft für seinen Beruf. Umso erfreulicher, wenn diese leidenschaftliche Arbeit immer noch innovative Früchte trägt, wie im Falle des Over-Ear-Kopfhörers HEDDphone.

Ein wenig einschüchternd und zugleich etwas protzig wirkt er schon, dieser 37 x 29 x 16,5 Zentimeter große Karton, in dem der HEDDphone geliefert wird. Sicher, betrachtet man den Preis von stolzen 1700 Euro und die Neuartigkeit des Schwallwandlers, enthält er ein schützenswertes Gut. Schließlich ist der HEDDphone doch der erste und bisher einzige Kopfhörer mit Air Motion Transformer (AMT). Um Wertigkeit und Exklusivität zu vermitteln, hätte mir aber auch eine dezentere „Schatzkiste“ ausgereicht, idealerweise aus Holz oder Metall gefertigt. Das ist jedoch eine rein geschmäcklerische “Kritik“. Genauso wie es eine Frage des Geschmacks ist, ob man den HEDDphone als schön empfindet. Nach meinem Dafürhalten sieht er klasse aus. Hauptsächlich in schwarz gehalten, die Halterungen der Hörer aus Aluminium gefertigt. Die Polsterungen sind aus Kunstleder und die Auflagefläche mit perforiertem Alcantara überzogen – das Erscheinungsbild wirkt klassisch und edel. Kein Firlefanz. Die Mini-XLR-Stecker des beidseitig geführten Kabels klicken schön beim Einrasten.

HEDDphone
Der HEDDphone auf seinem großzügig dimensionierten Karton.

Optik und Haptik des bereits 2019 veröffentlichten Over-Ear-Kopfhörers sind in jedem Falle markant und anders, als bei allen mir bekannten Wettbewerbern. Er ist schwerer als die Konkurrenten: 718 Gramm ohne, über 800 Gramm mit Kabel. Die Ohrhörer haben, inklusive der Polsterung, eine Tiefe von fast sieben Zentimetern. Dabei wirkt der HEDDphone in der Hand gehalten fast schwerer, als auf dem Kopf getragen – er trägt sich erstaunlich kommod. Vergessen, dass man ihn aufhat, wird man aber sicherlich nicht.

Doch wie baut man so etwas? Warum hat niemand vorher einen AMT in einen Kopfhörer eingebaut, schließlich ist das Prinzip doch nicht neu? Wie lang mag die Entwicklung gedauert haben und welche Hindernisse galt es zu überwinden?

Kleine Entwicklungsgeschichte des HEDDphone

Hochwertige Produkte zu testen und zu vergleichen ist eine reizvolle Aufgabe. Bietet sie nicht zuletzt die Möglichkeit, sich mit überaus sachverständigen Menschen austauschen und so dazulernen zu können. Der Bitte um ein Gespräch hat HEDD CTO Klaus Heinz dankenswerterweise umgehend entsprochen. Was er über die Entstehung des HEDDphone erzählte, ist auch ein Beispiel dafür, dass man es manchmal „einfach“ angehen muss und nicht entmutigt sein, sondern beharrlich bleiben sollte, wenn etwas nicht auf Anhieb gelingen mag. Auf die saloppe Frage „Sie gehen in Ihren Hobbykeller, löten einen ersten Prototypen zusammen und gehen damit zu Ihrem Entwicklungsteam oder wie habe ich mir das vorzustellen?“, entgegnete Klaus Heinz: „Es ist eher eine Werkstatt, aber im Prinzip war das so.“ Ganz so leicht, wie das klingt, war es dann doch nicht …

Wie erwähnt ist das Prinzip des AMT nicht neu. Es wurde vom deutschen Physiker Oskar Heil (1908–1994), mit dem Klaus Heinz befreundet war und den er des Öfteren in dessen Wahlheimat San Francisco besuchte, entwickelt: „Der ursprüngliche AMT Tweeter war groß, hatte eine aus meiner Sicht ungünstige Schallführung vor der Membran und zeigte starke Toleranzen. Um ihn als normalen Hochtöner verwenden zu können, musste er gezähmt werden. Das war dann sinngemäß der bei ADAM eingeführte erste kompakte AMT. Dadurch konnte das originelle Prinzip auch in normalen Lautsprechern verwendet werden. Oskar war da zu meinem Bedauern nicht immer der gleichen Meinung.“

„Man hätte ihn so auch vor 15 Jahren schon bauen können.“

Nachdem durch des “widerspenstigen Zähmung“, vor allem dessen Verkleinerung, das Verbauen in Studiomonitoren möglich wurde, galt es, ein weiteres Hindernis zu überwinden, welches einem AMT-Kopfhörer noch entgegenstand: Es musste der Übertragungsbereich erweitert werden. Der Heil’sche und von Heinz optimierte AMT deckt nicht das gesamte Frequenzspektrum ab, weswegen er vornehmlich als Hochtöner Verwendung findet. Er bildet die Höhen sehr „luftig“ und detailliert ab. Eine Eigenschaft, die er – um es vorweg zu nehmen – auch im HEDDphone behält. Es ist beeindruckend, wie schön Becken, Hi-Hats und Tamburine (aus-)klingen können.

HEDDphone 1. Prototyp 2018
Der erste Prototyp des HEDDphone von 2018.

Die wegweisende Idee bestand darin, die Faltung der Membran anzupassen. „Man hätte ihn so auch vor 15 Jahren schon bauen können. Es handelt sich nicht um einen neuen Werkstoff, der es letztlich ermöglichte, sondern es fehlte nur die Idee. Der erste Prototyp aber hatte klanglich, trotz fehlender Linearität, bereits so interessante ‘Ecken‘, dass es probiert werden musste“, so Heinz. Die interessanten “Ecken“ waren der Bass- und Hochton-Bereich. Die fehlende Linearität äußerte sich in einem breiten „Mittenloch“ von -12 dB, zwischen circa 800 bis 4000 Hertz.

„Nachdem ich festgestellt hatte, dass es prinzipiell möglich ist, war es nicht ganz fernliegend die Geometrie des Hochtöners in der Membran mit unterzubringen.“ Zum Durchbruch führte schließlich der Einfall, die Membranfalten variabel auszulegen.

Es bedurfte vier bis fünf Generationen variierter Membranen. Das den Erfolg bringende Prinzip trägt nun den Namen ‚Variable Velocity Transform‘ (VVT). Die Erhöhung der Bewegungsgeschwindigkeit der Luft erfolgt nicht mehr konstant, sondern eben variabel. Durch die neue Faltengeometrie erfährt die Luft im Tieftonbereich eine höhere Beschleunigung, als im oberen Frequenzspektrum. So wurde aus dem kompakten AMT-Hochtöner ein linearer, den ganzen Hör- und den darüber hinausgehenden Frequenzbereich (10 Hz – 40 kHz) abdeckender Wandler. Verblüffend, dass von der Idee und dem ersten Versuch 2018 bis hin zur Markteinführung im dritten Quartal 2019 nur wenig mehr als eineinhalb Jahre vergingen.

Die Form folgt der Funktion

Der HEDDphone erfüllt seine Funktion mithilfe eines für Kopfhörer neuartigen Wandlers, welcher gegenwärtig noch verhindert, ihn kleiner und leichter bauen zu können. Dass es sich um etwas Neues handelt, hört man bereits, bevor der Kopfhörer mit Signal gespeist wird. Beim Aufsetzen erzeugt man Luftdruck im Ohrhörer, der die mit Leiterbahnen versehene Membran aus Kapton-Folie in Bewegung versetzt und ein knackendes Geräusch verursacht. Darauf weist das beiliegende Datenblatt hin, welches ebenfalls mitteilt, dass unser Proband keine Einspielphase benötigt. Die Sinnhaftigkeit derselben wird auch unter überaus fachkundigen Menschen kontrovers diskutiert. Klaus Heinz lehnt sie nicht kategorisch ab, auch wenn er die sachlichen Anhaltspunkte für den Nutzen als „eher lose“ erachtet: „Eine Einspielphase mag für bestimmte Bauteile, wie etwa Gummiringe bei Tieftönern, Sinn ergeben. Die Kapton-Folie ändert aber ihre Eigenschaften, ihr Verhalten oder gar den Klang nicht, nur weil sie ein wenig ‚durchgerüttelt‘ wird. Wir sind davon überzeugt, sonst hätten wir es anders gemacht.“

 

 

 

 

 

 

 

 

Der HEDDphone wird in Berlin handgefertigt. Die diffizile Faltung der Membran nehmen eine gelernte Uhrmacherin und eine Instrumentenbauerin vor. Die Montage aller einzelnen Komponenten dauert dann nur noch um die zwei Stunden.
Fotos: Felix Zimmermann/HEDD Audio

 

 

 

 

 

 

 

Das Gewicht des offenen Kopfhörers resultiert ebenfalls aus der Bauweise. Die Kapton-Membran bewegt sich nicht, wie etwa Schwingspulen-betriebene Geräte, kolbenartig zum Ohr hin und von ihm weg, sondern sie arbeitet quer zum Ohr und benötigt zur Montage einen breiteren Spalt als konventionelle Modelle. Das wiederum erhöht den Bedarf an Magneten, die zusätzlich größer sein müssen, damit die erforderliche Induktionsstärke im Spalt erreicht wird – und hat das erhöhte Gewicht zur Folge. Die Ohrhörer hätten vielleicht nicht zwingend so tief sein müssen. Jedoch erhöht die umfangreiche Polsterung den Tragekomfort des HEDDphone und die Distanz zwischen Ohr und Membran ist der Darstellung der Räumlichkeit zuträglich.

Der Klang des HEDDphone im Praxistest

Ob als Werkzeug oder als „Genussmittel“ genutzt – der HEDDphone verlangt nach Leistung, einem ordentlich verstärkten Signal. Ist dieses vorhanden, muss man nicht übermäßig begeisterungsfähig sein, um vom Klang des Kopfhörers völlig überzeugt, regelrecht eingenommen zu werden.

Für das Hören von Vinylplatten kamen ein Reloop RP-4000 M3D s mit Ortofon GT-Nadel und ein Sony STR-DE215 von 1997 zum Einsatz. Digitale Quellen aus dem Laptop wurden mittels Violectric DCA V800 in Verbindung mit einem Lake People G103 gewandelt und verstärkt. Als Vergleichshörer wurde der Sennheiser HD 820 genutzt, auch wenn dieser ein geschlossener Kopfhörer ist.

Beim Durchhören des Albums „Emperor of Sand“ von Mastodon (Vinyl), eine Hälfte mit dem HD 820, die andere mit dem HEDDphone, wurde deutlich, dass sich die Stimmen beim Sennheiser-Modell deutlich weniger durchsetzen konnten, als dies beim HEDDphone der Fall war. Obwohl es sich beim HD 820 zweifelsfrei um einen sehr guten Kopfhörer handelt, wirkten die Stimmen etwas maskiert. Beim HEDDphone hingegen waren alles und jeder glasklar zu hören, trotz der dichten Arrangements.

Peter Fox‘ „Stadtaffe“ von 2009, ebenfalls von Vinyl abgespielt, konnte ich wahrscheinlich das erste Mal so hören, wie es der Künstler beabsichtigte, als er viel Geld für ein echtes Orchester und einiges an Schlagwerk in die Hand nahm.

„Superstition“ von Stevie Wonders „Talking Book“ (Vinyl) habe ich nie grooviger erklingen hören und wer dabei ungerührt bleibt, kann dies nur mit Vorsatz und Disziplin erreichen. Der HEDDphone demonstriert aufgrund seines ausgewogenen Klangbilds und des schnellen Impulsverhaltens eindrucksvoll, dass Wonders‘ gesamtes Schaffen der 70er in Sachen Komposition, Pioniergeist, Aufnahme und Abmischung an Großartigkeit kaum zu überbieten ist.

Das Hören der digitalen Version von Nirvanas „Nevermind“ verdeutlichte, wie wichtig Krist Novoselics Bass-Spiel für den Gesamtsound der Band war und wie knurrend-verzerrt der Bass in Stücken wie „Breed“ tatsächlich ist!

Klaus Doldingers „Das Boot“-Soundtrack (digital) erklingt dermaßen atmosphärisch, dass sich klaustrophobische Gefühle bei „Eingesperrt“ und Erleichterung bei „Rettung“ einstellten.

Der HEDDphone im Studioeinsatz

Zum Mischen nutze ich standardmäßig einen Sennheiser HD 650. Mithilfe des HEDDphone konnte ich fertiggestellte Mixe, mit denen ich sehr zufrieden war, noch einmal in “Ohrenschein“ nehmen und dabei feststellen, dass ich immer noch zu viel beziehungsweise zu drastisch eingreife. Auch das Hinzufügen künstlicher Räumlichkeit kann um einiges dezenter geschehen; manches Feedback meiner ehemaligen Tutoren ist mir nun besser nachvollziehbar. Beim Bearbeiten einer noch nicht vollendeten Abmischung fiel das Änderungshören leichter – der Effekt eines Eingriffs mit dem Equalizer und das „Zupacken“ des Kompressors wurden deutlicher.

Die Darstellung der Räumlichkeit und das Lokalisieren von Schallquellen erinnern an den Eindruck meines Kollegen aus dessen Test der HEDD Type 20 MK2 Studiomonitore (Professional audio 3/2021): „Man konnte alle Instrumente im Panorama extrem gut lokalisieren, quasi mit dem Finger auf sie zeigen und danach greifen.“ Ins gleiche Horn stößt die Aussage eines guten Freundes, dem ich ein paar Songs auf dem HEDDphone vorspielte: „Was ich höre, lässt mich sehen, wo die Mikros hingen.“

Anstatt das gleiche (oder mehr) Geld für ein neues Paar Studiomonitore auszugeben, die dann aber in einer gleichbleibend fragwürdigen Raumsituation zum Einsatz kommen sollen, kann es zielführender sein, den HEDDphone zu kaufen, um mehr Kontrolle zu erhalten und infolgedessen handwerklich bessere Abmischungen erstellen zu können.

Der faktische Nachteil gegenüber Wettbewerbern durch das erhöhte Gewicht des Kopfhörers kann auch positiv genutzt werden: Mich ermahnte es, regelmäßig Pausen einzulegen und dem Gehör Erholung zu verschaffen. „Ich bin sicher, dass sich aus dem Prinzip noch etwas herauskitzeln lässt und wir auch das Gewicht noch etwas reduzieren können“, so Klaus Heinz – diese Aussicht weckt schon jetzt Vorfreude.

HEDDphone
Seitenansicht des stimmig designten Kopfhörers. Stilprägend für weitere Modelle?

Fazit

Der HEDDphone ist ein exzellent klingender und einwandfrei verarbeiteter Kopfhörer. Ein nahezu chirurgisch präzises, absolut ehrliches Werkzeug. Er vermittelt einen klaren, offenen, extrem direkten Höreindruck, der einen glauben lässt, im Moment der Aufnahme physisch anwesend zu sein. Breiten- und Tiefenstaffelung sind äußerst exakt, mit klar hörbaren Abständen der Instrumente zueinander. Das ist nicht zwingend erfreulich, wenn es überwunden geglaubte Schwächen im Mischprozess offenlegt. Aber nur diese Ehrlichkeit bringt einen weiter und genau das sollte man von einem echten Werkzeug erwarten.

STECKBRIEF HEDD Audio HEDDphone

Weitere Informationen

Gewicht 718 Gramm (ohne Kabel)
Preis 1700 Euro (inkl. MwSt.)

BAUWEISE/AUSSTATTUNG
Wandlerprinzip  elektrodynamisch, Air Motion Transformer
Bauweise offen, Over-Ear
Frequenzgang 10Hz – 40kHz
Stecker/Kabel beidseitig geführt, Mini-XLR/6,3mm Klinke
Impedanz 42 Ohm
Effizienz 87 dB SPL bei 1mW

BEWERTUNG HEDD Audio HEDDphone

KLANG Punkte (von 100)
Neutralität (2x) 92
Feinzeichnung (2x) 92
Impulsverhalten 95
Räumlichkeit 91
Dynamikverhalten 91
Basstiefe 91
TESTERGEBNIS
Klangqualität (50%) 92
Tragekomfort (25%) 85
Verarbeitung (15%) 90
Ausstattung + Bedienung(10%) 85
Testurteil
89,3
Preis-Leistung sehr gut
So testet und bewertet mobilefidelity magazin.

 

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