Noga Erez – KIDS (Against the Machine)

NOGA EREZ – KIDS (AGAINST THE MACHINE)

Vor rund einem halben Jahr hat die israelische Singer/Songwriterin Noga Erez ihr Album „KIDS“ vorgelegt, mit unverbrauchtem, innovativ arrangiertem Elektro-Pop. Nun hat die 31-jährige, die ursprünglich Komposition studiert und im Jazz begonnen hatte, das Album in einer neuen Fassung veröffentlicht: „KIDS (Against the Machine)“ beleuchtet das beeindruckende Songmaterial nicht aus elektronischer, sondern handgemacht-akustischer Sicht, zusammen mit einem Kinderchor.

R&B-Funk-Pop mit skandiert-gehauchtem Gesang

Die Songs sind teils in veränderter Reihenfolge vorhanden. Der Titeltrack ist mit beeindruckend tighten R&B-Akustik-Drums gespielt, dazu schlängelnd-trockenem E-Bass. Dazwischen fügen sich Noga Erez‘ flott-gerappter Gesang und der erwähnte Kinderchor ein, das Ganze wird von einem dunklen Bläserteppich umwoben. „End of the Road“ ist weniger extrovertiert als die elektronische Version, begeistert gleichzeitig mit Detailverliebtheit und verspielten Snare-Einlagen sowie knackigen Bläser-Rhythmen – einer der Höhepunkte. Das ursprünglich perkussive „Knockout“  zwischen Minimal-Dub und World-Music setzt die Produktion mit Claps, dezentem R&B-E-Bass, Bläser-Elementen und sparsamen Funk-Gitarren-Licks um. Das ist angenehm zu hören und erinnert in der Ästhetik an die Menahan Street Band, allerdings mehr auf den Punkt. Dass die Arrangements geschäftig und dicht sind, fällt dabei kaum auf – ein Zeichen, wie durchdacht die Produktion gemacht ist. „Views“, zusammen mit dem Musiker ROUSSO gesungen, stellt mit akzentuierten Einsätzen und dem verbindenden E-Bass einen weiteren Höhepunkt dar. Im Original von „You so Done“ ist der Gesang mit einer synthetisch nach unten oktavierten Variante gedoppelt; nun kommt die Nummer im Minimal-Gewand daher, nur mit Tremolo-Gitarre und fast unbeteiligt-zurückhaltendem Gesang. Der Text über eine ungesunde Beziehung wird dadurch dramaturgisch unterstützt. Wem die modern gehaltenen Produktionen von Erez bislang zu unzugänglich erschienen, dem sei dieser Song als Hörtipp ans Herz gelegt.

Punktgenaue Performances stützen das gelungene Songmaterial

„Cipi“ erinnert in seinem Popgewand noch am ehesten an die Ursprungsfassung, allerdings mit auf den Punkt abgestoppten Rhythmen, gespielt mit bedämpften Akustik-Drums. Dazu kommen flüssige E-Bass-Einwürfe, darüber ertönt eine Trompete im Mariachi-Stil. Der Funk-Song ist wohl der deutlichste Ohrwurm des Albums. Die Performance legt umso mehr offen, was beim Elektro-Album bereits zu erkennen war: Die ungewöhnliche, ansteckende Rhythmik entsprang bereits im Original einer kreativen Leistung der Produzenten und Musiker – und keinem Preset aus dem damaligen Maschinenpark. Bei „Bark Loud“ bleibt der monotone Rap erhalten, wird aber mit dem Band-Arrangement etwas spannender untermalt. „Candyman“ bleibt im dunklen Jazz-Pop-Gewand ruhig-suchend, mit Call-Respose-Einwürfen des Kinderchors – auch hier kommt die Performance einmal mehr auf den Punkt. Das melodiös-minimalistische „Fire Kites“ entwickelt einen zwingenden Sog, wirkt durch die teils schrägen Bläser-Einwürfe beschwingt-positiv. „Story“, mit ROUSSO gesungen, erforscht die Schnittmengen zwischen Retro-Pop, Hip-Hop und akustisch umgesetztem Elektro. Das ebenfalls mit ROUSSO produzierte „No News on TV“ war bereits in der Vorgängerfassung mit klassischeren Band-Ansätzen bedacht. Die „Against the Machine“-Version setzt auf Claps und Percussion, die den Funk-E-Bass untermalen, im Refrain entsteht ein angenehm zurückhaltender Fluss. „Switch Me off“ – ursprünglich als Upbeat-Nummer gespielt – kommt hier als schwermütiger, Valium-getränkten Rausschmeißer, mit abgestoppter Percussion, bedämpften Bläser-Einlagen und sanften E-Pianos, dazu geschleppt-gehauchtem Gesang – das funktioniert mindestens ebenso gut und ist wohl die zugänglichste Nummer des Albums. Die Bläser-getragene Ballade „Sunday“, in der Bonus-Edition der ursprünglichen „KIDS“-Veröffentlichung enthalten, schließt das Album. Die minimalistischere, gradlinigere neue Version wirkt gegenüber den schräg-anmutenden und effektvoll produzierten Streicher-Sounds im Elektro-Original zugänglicher.

Klangvoller Sound

Die „Elektropop-Version“ war interessant und innovativ produziert,sie darf angesichts ihrer ausgewogenen Produktion als Maßstab für Elektro-Alben herhalten, der von gängigen Popproduktionen oft weit unterlaufen wird. Die „Against the Machine“-Variante stellt im Rahmen der „manuellen“ Umsetzung die Songs noch weiter in den Vordergrund: Die gelungenen Texte und Melodieverläufe kommen in anderen Facetten zum Tragen, einzelne Songs (etwa „Candyman“ oder „Switch me off“) gewinnen deutlich. Lediglich beim Titelsong ist der Text etwas weniger verständlich. Klanglich steht „KIDS (Against the Machine)“ dem Vorgänger in nichts nach, im Gegenteil: Die Produktion klingt füllig, mit sehr gut ortbaren Details, einer großen Spanne an Feindynamik – und ohne jedes Wummern oder Lautheitskämpfe. Dass die Band absolut „zackig“ performt und selbst hochwertige Klänge anliefert, trägt zum stimmigen Gesamteindruck bei. War bei „KIDS“ das Höhenspektrum gerade an der Grenze, einen Hauch zu viele Präsenzen zu liefern, ist „KIDS (Against the Machine)“ nicht zu hell, was zur Botschaft des „modernen“ R&B-Bandmusiker-Stils passt. Die Botschaft hebt sich dankt der unkonventionellen Arrangements und hochklassigen Musiker von jedem „Retro-Klischee“ ab.

Im Gegensatz zu manch anderen Alben, die in veränderter Stilistik präsentiert werden, ist Noga Erez‘ neue Veröffentlichung eine völlig eigenständige, sinnvolle Ergänzung, die ihre Zuhörerschaft noch verbreitern dürfte. Dabei bilden auch hier Sound und Musik eine stimmige Einheit, die sich wunderbar durchhören lässt.

NOGA EREZ – KIDS (AGAINST THE MACHINE)

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 10
Klang 10
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