Macht den Hi-Res-Schwindel sichtbar: XiVero MusicScope

551

Der Hi-Res-Musikmarkt wächst, doch ist hier bei weitem nicht alles Gold, was glänzt. Das Analysetool MusicScope zeigt in Sekundenschnelle, ob ihre Sammlung das Geld wert ist – und noch viel mehr.

Wohl jedem, der sich für hochauflösende Musikdateien interessiert, wird es schon einmal passiert sein: man investiert viel Geld für ein hochaufgelöstes Album in 96 kHz/ 24 Bit oder höher, und irgendwie klingt es dennoch genau wie die CD – wenn nicht sogar schlechter. Der Verdacht, dass es sich hier um eine upgesampelte Version einer ordinären CD handelt, liegt nahe, aber wie kommt man dem Betrug auf die Schliche?
Das kleine Unternehmen Xivero aus Düsseldorf ist spezialisiert auf DSP-Produkte zur Analyse und Verbesserung digitaler Audiofiles. Das Aushängeschild des dreiköpfigen Entwicklerteams um CEO Stephan Hotto ist das Analysetool MusicScope, das erstmals im Jahr 2015 erschien und jüngst ein neues Update bekam (aktuelle Version: 2.0.4). Für nur 29 Euro wird dem Nutzer, der das Programm mit einer Lizenz auf drei verschiedenen Computern installieren kann, ein mächtiges Werkzeug mit vielen übersichtlichen Messungen an die Hand gegeben.
Auf der Herstellerseite findet sich eine anschauliche Anleitung, mit der man innerhalb kurzer Zeit lernt, die Daten, die das MusicScope ausgibt, richtig zu deuten. Dank Stapelverarbeitung ist es möglich, ganze Alben oder Playlisten auf Unregelmäßigkeiten zu scannen. Die Tatsache, dass inzwischen mit HIRESAUDIO ein Anbieter von Hi-Res-Downloads mit MusicScope zusammenarbeitet, um die angelieferte Ware zu checken, ist ein klares Signal, dass das Programm ein echter Game-Changer für den Hi-Res-Markt sein könnte.

Was macht das MusicScope sichtbar?

MusicScope bietet eine Übersicht über eine Vielzahl von Messwerten in unterschiedlichen, gut anschaulichen Darstellungsarten. Für jede Datei oder Playlist erstellt das Programm, so gewünscht, einen graphischen und einen textbasierten Report.
Wird eine Datei in MusicScope hineingeladen, zeigt das Programm sofort Dateiart und Auflösung an. Das ist sehr hilfreich, denn so hat man immer vor Augen, welche Werte eigentlich erreicht werden sollten. Zudem werden falsch gelabelte Dateien, die eine deutlich höhere Auflösung im Namen tragen, sofort entlarvt.

Eine Analyse in XiVero MusicScope
Auf den ersten Blick eine Hi-Res-Aufnahme, wie sie aussehen sollte – musikalische Inhalte bis zur Grenz-Frequenz von 48 kHz, ein weitreichendes Dynamikspektrum ohne übermäßige Kompression- Allerdings werden hier nur 16 der 24 angegebenen Bit tatsächlich genutzt – das Frequenzspektrum, das nicht die dafür notwendigen -144 dB erreicht, verrät es bereits.

Die beiden wichtigsten Messinstrumente für die Kontrolle der tatsächlichen Auflösung nehmen am meisten Raum auf dem Bildschirm ein: das Frequenzsspektrum und das Spektrogramm.
Das Frequenzspektrum, welches die Amplitude der einzelnen Frequenzen zeigt, kann in logarithmischer oder in linearer Ansicht angezeigt werden, wobei das lineare Spektrum für die Bewertung von Hi-Res-Dateien interessanter ist. Die logarithmische Darstellung ist eher interessant, wenn der Verdacht besteht, dass sich durch mechanische Fehler bei der Produktion tieffrequente Störgeräusche auf der Datei befinden. Eine Datei sollte im Normalfall gemäß dem Nyquist-Shannon-Theorem die höchsten Frequenzanteile bei der Hälfte der Abtastfrequenz aufweisen. Auf diesen Wert wird das Frequenzspektrum entsprechend begrenzt – für Dateien mit 96 kHz reicht die Achse beispielsweise entsprechend bis 48 kHz.
Es ist auch möglich, rechten und linken Kanal getrennt anzeigen zu lassen. Zudem kann die Pano/Phase-Anzeige zugeschaltet werden. Diese stellt die frequenzabhängige Stereopanoramaposition und Phasen-Korrelation dar. Sieht man hier größere rot markierte Bereiche, sind Phasenfehler auf der Datei.

Das Stereometer verfügt über ein Vectorscope (oben), Spitzenklasse
welches die Verteilung des Stereobildes zeigt. Zudem
zeigt der Balance Indicator (grüber Balken) die aktuelle
Position in der Ebene sowie die wahrgenommene Breite
an. Das Korrelationsmeter (unten) prüft die Monokompatibilität.

Das Spektrogramm zeigt das volle Frequenzspektrum über die komplette Wiedergabezeit. Dabei lässt sich wählen, ob der Minimal-, Mittel oder Maximalwert angezeigt werden soll. Zudem sind verschiedene Farbvarianten wählbar. Mit dem Mauszeiger sieht man stets Trackzeit und Amplitude. Mit diesem Tool wird schnell sichtbar, bis wohin die höchsten Frequenzanteile, die noch Musik enthalten, reichen. Auch Störsignale werden hier leicht sichtbar, etwa durch vertikale Linien im Spektrogramm. Der Ultra High Spectrum Analyser erlaubt eine noch genauere Analyse des Frequenzspektrums einer Audiodatei und macht auch Frequenzen außerhalb des höheren hörbaren Bereiches durch Übertragung in niedrigere Frequenzbereiche hörbar.
Eine automatische Grenzfrequenz-Erkennung (vertikale rote Linie) ermöglicht es den Frequenzbereich abzuschätzen, der Musikanteile beinhaltet.

Der Bit-Monitor zeigt die tatsächlich für musikalische Inhalte, die nicht bloß Rauschen enthalten, genutzte Bitmenge an – auch hier werden Schwindeleien schnell sichtbar.

XiVero MusicScope Levelmessung
Die Levelmessung von MusicsScope zeigt Inter Sample Peaks RMS, Loudness Range, Kompression sowie das Verhältnis von Loudness und Peaks.

Auch die Dynamik und die Kompression von Stücken werden mit MusicScope untersucht. Zudem gibt es Loudness-Messungen gemäß EBU 128. So werden auch Übersteuerungen schnell sichtbar – praktisch, gerade wenn man eigenes Audiomaterial überprüfen will.
Für alle Werte der Loudness- und Dynamikmessung gibt es sowohl eine graphische Darstellung als auch eine nummerische Aufstellung der Höchstwerte.

Ein kreisförmiges History-Diagramm zeigt Loudness- und Spitzenwerte in L/R- oder M/S-Anzeige über die gesamte Aufnahme. So werden  Übersteuerungen auch in der zeitlichen Relation sichtbar gemacht. Zudem zeigt sich hier noch der Grad der Kompression des Stückes – bei sehr gleichmäßigem Kurvenverlauf ist offensichtlich stark komprimiert worden.
Zuletzt steht noch ein Stereometer für die Überprüfung der Stereoabbildung bereit.

Praxiserfahrungen

Natürlich waren wir neugierig, wie sich die Redaktionseigene Musikbibliothek unter der Lupe von MusicScope schlägt. In der Bedienung zeigte sich das Programm recht unkompliziert. Nachdem die Onlineanleitung durchgearbeitet war, stand einer Analyse der Dateien nichts mehr im Wege. Neben der Echtzeitanalyse gibt es auch eine schnellere Variante, bei der man nicht mithören kann. Tatsächlich fand sich eine Vielzahl an einwandfreien Dateien, bei denen musikalische Inhalte bis auf die letztmögliche Frequenz erkennbar waren und meist sämtliche Bits auch genutzt wurden.

Klassik-Dateien zeigten im Regelfall eine nahezu sternförmige History, da die Dynamik hier nicht durch Kompression eingedämmt wird. DSD-Files zeigten eine sehr charakteristische Kurve, da hier das Quantisierungsrauschen in den nicht hörbaren Bereich geschoben wird und entsprechend die Frequenzspektrums-Kurve nach oben hin noch einmal ansteigt.

Schwarze Schafe sind leider nicht selten

Leider waren bei Weitem nicht alle Dateien, die wir unter das MusicScope legten, einwandfrei.
Eine 176,4 kHz kHz/ 24 Bit-AIFF-Datei von Michael Jacksons „Thriller“ etwa war uns immer schon etwas suspekt vorgekommen, da der Klang für eine Hi-Res-Aufnahme wirklich zu wünschen übrig ließ. Das Einlesen in MusicScope unterstützte diesen Verdacht:

XiVero MusicScope Bitmonitor
Der Bit-Monitor zeigt an, dass von den angegebenen
24 Bit in „Thriller“ lediglich 16 Bit genutzt werden.

Hier scheint mit Zuhilfenahme eines Maximizers das Obertonspektrum etwas erweitert worden sein, was die automatische Erkennung von MusicScope zwar nicht versteht (daher der ungewöhnliche Grenzwert von 35,1 kHz, was eine Samplingrate von 70,2 kHz bedeuten würde), aber worauf die sehr deutliche Stufe bei etwa 22 kHz, also der Grenzfrequenz einer CD schließen lässt. Um den Rest des Frequenzspektrums bis 176,4 kHz aufzufüllen, scheint die Datei zunächst in DSD umgewandelt worden zu sein, was die typische Anhebung außerhalb des hörbaren Bereiches zeigt, und dann zurück in PCM umgewandelt worden zu sein. Der Blick auf den Bit-Monitor zeigt, dass auch nur 16 der 24 Bit effektiv genutzt werden. Hier scheinen tatsächlich findige Fälscher am Werk gewesen zu sein.

XiVero MusicScope Messung
„Thriller“ enthält gerade mal musikalische Inhalte bis knapp 32 kHz. Die Stufe bei 22 kHz zeigt, dass hier das Oberton-Spektrum einer CD-Aufnahme einfach durch einen Maximizer noch künstlich vergrößert wurde. Die ansteigende Amplitude im nicht hörbaren Bereich legt den Schluss nahe, dass diese Datei einmal in ein DSD-File umgeqwandelt wurde, um eine größere Samplingrate vorzugaukeln.

Auch eine Flac-Datei von Supertramps „Crime of the Century“, die eigentlich eine Samplingrate von 196 kHz haben sollte, liefert nur 32,3 kHz an musikalischem Inhalt.
Bei einer Version des Tears for Fears-Albums „Songs from the Big Chair“ in 96 kHz/24 Bit, die den Originalmix und einen Steven Wilson Remix enthält, fanden wir beim Song „I Believe“ einen scheinbaren Benennungsfehler – während alle anderen Dateien im Originalmix eine deutlich sichtbare Stufe bei 22 kHz aufweisen, die auf die verwendete CD-Version hinweisen, und die geremasterte Version bis 48 kHz noch Frequenzen aufweist, ist es bei diesem Song genau umgekehrt – nicht dramatisch, da ja beide Dateien im Album enthalten sind, aber dennoch interessant.

Die scheinbar falsch beschrifteten Dateien von Tears for Fears‘ „I Believe“ zeigen einmal den CD-Master mit der Stufe bei 22 kHz…
…und einmal die geremixte Fassung, die musikalische Inhalte bis 48 kHz zeigt.

Bei einer Coldplay-Aufnahme des Stückes „Adventure of a Lifetime“ stimmt zwar die Samplingrate, doch ist das Stück erstens übermäßig komprimiert, und weist überdies noch reihenweise Peaks oberhalb von 0 dB auf. Hier müsste die Loudness noch um einiges reduziert werden, um wirklichen Hörgenuss zu ermöglichen. Das MusicScope Cloud Upload-Modul ist ein gutes Mittel, um den Druck auf die Anbieter zu erhöhen und selber mehr Sicherheit beim Kauf von Audiodateien zu bekommen. Sämtliche analysierten Daten lassen sich hier hochladen. Gleichzeitig bekommt der Nutzer Zugriff auf die bereits hochgeladenen Daten und kann so prüfen, ob eine Datei auf der virtuellen Wunschliste auch hält, was sie verspricht.

Zusatzfeatures

Zusätzlich zur beschriebenen Dateianalyse hat MusicScope noch ein paar Zusatzfeatures im Gepäck, die sich sehen lassen können. Via Audioeingang können etwa auch externe Audioquellen analysiert werden. Damit ist es beispielsweise möglich, die Qualität von Schallplatten oder Streaming-Diensten via externes Kabel zu prüfen. Auch VST-kompatible Audio Player wie foobar2000 lassen sich hier überprüfen.Ein Jitter Analyser ermöglicht es, den Jitter des angeschlossenen DACs über einen externen ADC oder den Line-Eingang des Computers zu messen. Ob angeschlossene HiFi-Komponenten harmonische Verzerrungen erzeugen, überprüft der Total Harmony Distortion Analyser. Zu guter Letzt lässt sich mit dem Turntable RPM Measurement die Umdrehungszahl eines angeschlossenen Plattenspielers messen. Einer gründlichen Analyse des heimischen Wiedergabe-Setups steht damit nichts im Weg.

Fazit

Es ist wirklich beeindruckend, wie schnell MusicScope grundlegende Informationen zu der vorliegenden Audiodatei offenbart. Alleine dafür ist der Preis von 29 Euro schon sensationell zu nennen – die Zusatzfeatures setzen noch eine Kirsche obenauf. Es bleibt zu hoffen, dass der Druck auf den Hi-Res-Markt nun steigt und schwarze Schafe einen Platzverweis bekommen.

STECKBRIEF XIVERO MUSICSCOPE

Preis 29 Euro

TECHNISCHE DATEN
Plattform PC/Mac
Datenträger Download
Mindestanforderungen Windows 7 oder höher, OSX 10.7.3 oder höher (32 + 64bit)(Herstellerangabe)
Kopierschutz Seriennummer (3 Installationen pro Download)
Dateiformate WAV, BWF, AIFF, FLAC, ALAC, DSD (DFF & DSF), MP3
Samplingraten PCM: bis 384 kHz /32 bit, DSD bis DSD512

AUSSTATTUNG
Messungen Bandbreite, Bittiefe, Loudness, True Peak Meter, Rauschdichte, Harmonische Schwingungen.
Anzeigen Spektrogramm, Frequenzspektrum (logarithmisch und linear), Lauststärke-Histogramm, Stereo-Panning, Bitmesser, Balkendiagramm Loudness-Messung
Zusatz-Module Jitter-Analyse + THD-Analyse für DA-Wandler, Ultra High Spektrum Analyse, RPM-Messung für Plattenspieler,

BESONDERHEITEN
Echtzeitanalyse von externen Audioquellen via Audioeingang (z.B. Line-In), Stapelverarbeitung von Playlisten, Exportieren von grafischen und Text basierten Berichten, als VST/AU Plugin in der DAW nutzbar