Lindemann – Live in Moscow

Lindemann – Live in Moscow

Rammstein-Sänger Till Lindemann betreibt mit „Lindemann“ seit 2015 ein Metal-Nebenprojekt: Zusammen mit dem – mittlerweile ausgestiegenen – schwedischen Multi-Instrumentalisten Peter Tägtgren veröffentlichte die Band bislang zwei Alben, eines mit englischen, eines mit deutschen Texten, dazu eine Single zusammen mit dem Rapper Haftbefehl. Live wurden Lindemann und Tägtgren von schwedischen Musikern unterstützt. So auch Mitte März 2020, kurz vor dem Lockdown, als die Band zwei Konzerte in Moskau gab. Eine Zusammenfassung wurde nun als Konzertfilm (auf DVD, Blu-Ray sowie teilweise in Kinos) und Audiomitschnitt (als Download, auf Vinyl oder als CD im Paket mit Blu-Ray) veröffentlicht.

Rammstein „light“?

„Skills In Pills“ prescht in gewohnter Rammstein-Manier vorwärts, mit gradlinigen Riffs, im Text thematisiert Lindemann einen vermeintlichen „Pillenwahn“ für jedes Bedürfnis. „Ladyboy“ stellt mit seiner eingängigen Melodie einen Höhepunkt dar; hier kommt der provokante Wortwitz Lindemanns auch im englischen weitgehend zum Tragen („Just for Fun / No Romance / Two in one / I’ll take My Chance / All You can eat / It’s hot as Coals / I drown my Meat in Dicks and Holes“), wenngleich gerade der Spagat zwischen zwei Sprachen bei Rammstein oft den Reiz ausmacht, etwa in „Amerika“ oder „Pussy“. Das Thema des letzteren, Sextourismus, greift Lindemann in „Ladyboy“ nochmal spezifischer auf. Das getragene „Fat“ thematisiert in ebenfalls gelungenen Wortspielen, die sich in so bildhaften wie geschmacklosen Beschreibungen suhlen, einen Fettfetisch. Während Till Lindemanns Performance wie gewohnt funktioniert, erscheint die Band dahinter farblos: Melodien, mit denen beispielweise Rammstein den Gesang einweben, fehlen weitgehend, die Schlagzeug-Rhythmik bleibt eintönig, Streicher-Arpeggio vom Keyboard wirken leblos und eher nach einem Baukasten-Prinzip abgespielt.

Teils gelungene Melodien und Texte

„Allesfresser“ stellt eine Ausnahme dar, mit gelungener Keyboard-Melodie – und einem Text auf Rammstein-Niveau; ein Höhepunkt. Ähnlich „Knebel“, hier funktioniert einmal mehr das eigentlich ausgelutschte Thema sexueller Provokationen durch den anspruchsvoll gemachten Text. Bei „Home Sweet Home“ erscheint Lindemanns deutscher Englisch-Akzent, der sonst gut funktioniert, seltsam störend, die tragende Ballade bleibt klischeehaft. „Cowboy“ macht mit seinem geshuffelten Metal-Rhythmus neugierig, Das flink stampfende „Golden Shower“ dekliniert einmal mehr sexuelle Grenzfantasien durch – ähnlich „Gummi“, das einen weiteren Fetisch beschreibt. Aufgrund zündender Metaphern nimmt Lindemann den Hörer in fremde Welten mit, die unterhalten – die beschriebenen Figuren nimmt er meist ernst, beschreibt bizarres, ohne es der Lächerlichkeit preiszugeben – außer, wenn es um Satire geht; ein Merkmal eines guten Erzählers und ein kleiner, aber entscheidender Kniff, der die Musik und Texte von reinem Voyeurismus abgrenzt. In guten Momenten liegt die Qualität nah am gelungenen Material von Rammstein (ein weiterer Tipp: „Platz Eins“, was die eigene Rolle aufs Korn nimmt), wenngleich die Arrangements weniger vielschichtig erscheinen. Letztlich unterstreicht der Auftritt, wie viel kreativen Output Lindemann insgesamt liefert.

Bauchbarer Klang

Während Rammstein bislang vor allem durch eigenständiges Industrial/Metal-Sounddesign auffielen, ließen die Alben klanglich meist zu wünschen übrig: Kraftvolle Bässe, die den düsteren Charakter der Musik hätten untermalen können, fielen zugunsten hochkomprimierter Lautheit weg. Die jüngsten Alben („Liebe ist für alle da“, „Rammstein“) klangen hingegen dünn, flach, mit aufdringlichen, zischenden Höhen und wahrnehmbaren Zerrartefakten. Im Vergleich schneiden die beiden Lindemann-Studioalben nur minimal besser ab. Auch das vorliegende Live-Album klingt eher dünn, ohne wirkliche Bässe. Das Schlagzeug matscht, und insgesamt verschwimmt die Musik zu einem Teppich, über den Till Lindemann singt. Auf allzu scharfe Höhen verzichtet die Produktion, weshalb sich das Ergebnis trotzdem brauchbar durchhören lässt. Die Zusammenstellung der 17 Stücke erweist sich als gelungener Ausschnitt der beiden Lindemann-Alben – hier dürften sich besonders Rammstein-geneigten Hörern neue Zwischentöne erschließen.

LINDEMANN – LIVE IN MOSCOW

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 7
Klang 7
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