Kopfhörer Audeze LCDi4

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Audeze hat mit dem LCDi4 einen In-Ear Kopfhörer kreiert, der in jeder Beziehung aufsehenerregend ist. In Sachen Klangqualität setzt er Maßstäbe und macht hierin sogar den besten Over-Ears die Hölle heiß.

Die kalifornische Kopfhörerschmiede Audeze hat sich mit hochwertigen, technisch ausgeklügelten Over-Ear-Kopfhörern, die alle nach dem magnetostatischen Prinzip arbeiten, einen exzellenten Ruf in der Studio-Szene, vor allem aber unter den High-End-Fans geschaffen. Das Modell LCD-X beispielsweise, Sieger des Kopfhörervergleichstests in Ausgabe 4/2015, dient seitdem als Kopfhörerreferenz in der Redaktion. Um auch in dem schnell wachsenden Marktsegment anspruchsvoller In-Ear-Kopfhörer mitmischen zu können und sich gleichzeitig technologisch treu zu bleiben, begannen die Audeze-Ingenieure vor Jahren mit der Umsetzung des nach ihrer Ansicht überlegenen magnetostatischen Arbeitsprinzips auf die vergleichsweise winzigen In-Ear Hörer. Wie eindrucksvoll gut das gelungen ist, kann man im Test des iSine20 in Ausgabe 8/2017 nachlesen. Für 698 Euro UVP gefiel der Westentaschen-Magnetostat durch seinen akkuraten, feinst aufgelösten Klang, der eine Beurteilung der Aufnahmequalität wie unter einer akustischen Lupe ermöglicht.
Auf der High End 2017 in München stellte Audeze das neue Topmodell seiner In-Ear-Reihe einem breiten Publikum vor. Der LCDi4 wurde bereits vor der iSine-Serie entwickelt und diente als Blaupause für die kleineren iSine-Modelle. Von richtig klein kann allerdings bei allen Audeze In-Ears nicht wirklich die Rede sein. Die magnetostatische Wiedergabetechnik benötigt ja möglichst große Membranflächen. Ergo war bei den LCDi4 schon eine Menge Knowhow von Nöten, die 30 Millimeter großen Membranen in eine ansprechende wie funktionale Form zu bringen. Dafür hat Audeze die BMW-Tochter Designworks ins Boot geholt. Die entwickelte für den LCDi4 ein charakteristisches 6-Eck-Design, das sich auch bei den iSine-Modellen wiederfindet. Die horizontalen Schlitze auf der Gehäuseoberseite des LCDi4, hinter denen ein goldfarbenes Kupfergitter zum Schutz der Membran liegt, erinnern an die LCD-Over-Ear-Serie von Audeze – gelungene Umsetzung der Corporate Design-Vorgaben, zumal der LCDi4 den vorzüglichen Klang des Over-Ear-Flaggschiffs LCD4 erben soll. Der konstruktive Aufwand dafür ist enorm. So wird der LCDi4 ausschließlich in Handarbeit gefertigt, was auch dazu beiträgt, den Preis in die Höhe zu treiben – der UVP liegt bei 2.999 Euro. Auch bei der Auswahl der verbauten Materialien wurde nicht gegeizt. Beispielsweise die untere Gehäuseschale des LCDi4 besteht aus Magnesium, statt wie beim iSine 20 aus Kunststoff. Magnesium ist nicht nur extrem leicht und stabil, sondern auch besonders vibrationsdämpfend und unterbindet jegliche klangmindernden Resonanzen. Obwohl die Ohreinheiten recht groß ausfallen sind sie mit 12 Gramm pro Seite außergewöhnlich leicht, deutlich leichter als die des iSine 20. Außerdem werden die Ohreinheiten als Paare aufwändig gematcht.

Die Innenseite der Ohrteile besteht aus extraleichtem und vibrationsarmen Magnesium. Die Hörtuben sind angeschrägt für besseren Sitz.

Dünner, feiner, handgemacht

Auch beim Kabel scheut Audeze keine Kosten und Mühen. Das verdrillte und versilberte Kabel aus sauerstofffreiem Kupfer mit Kevlarmantel bringt genau die richtige Mischung aus Flexibilität und Festigkeit und soll erheblich zum guten Klang beitragen. Es ist 1,2 m lang und verfügt über einen vergoldeten Miniklinkenstecker. An den Gehäusen wird es über einen 2-Pin-Stecker eingestöpselt. Im Test zeigte es sich als etwas starrer als gewohnt, was definitiv Wertigkeit vermittelt, aber gerade am Gesicht anfangs etwas irritiert.
Um den Klang des LCD4 in das In-Ear Format zu übertragen zu können, wurde das gleiche hauchzarte Membranmaterial verwendet wie beim Over-Ear-Vorbild. Mit 0,005 mm Dicke ist sie dabei nochmals deutlich dünner als beim iSine 20 und schafft so beste Voraussetzungen für ein deutlich feineres Auflösungsvermögen. Die leitende Metallschicht auf dieser Folie wird aufwändig in einem Vakuum zur Wahrung der Gleichmäßigkeit aufgetragen. Die kräftigen Neodym-Magneten sind in der Audeze-typischen, einseitigen Fluxoranordnung eingesetzt. Durch diese soll die Wiedergabe besonders kontrolliert und impulsgetreu erfolgen.

Das Kabel des LCDi4 besteht aus versilberten sauerstofffreiem Kupfer mit einer Kevlarverstärkung und wird über eine 2-Pin-Steckverbindung an den Ohrteilen befestigt.

 

Üppig ausgestattet für perfektes Tragegefühl

Schlussendlich unterstreicht auch die Verpackung die hohe Wertigkeit des Audeze LCDi4, die Aufbewahrungsbox ist mit einer lederbezogenen Klappe versehen, die das Flair eines wertvollen alten Buches vermittelt-
Aufgrund seiner Größe des LCDi4 ist die Anbringung am Ohr schon eine kleine Herausforderung, verglichen mit herkömmlichen In-Ear-Kopfhörern. Zudem schließen die halboffenen Gehäuse nicht bündig an der Ohrmuschel ab, sondern lassen etwas Platz zwischen Ohr und Gehäuseunterseite, ragen also seitlich heraus. Doch Audeze hat vorgesorgt: Beigelegt sind 6 Paar Silikonohrstöpsel, 2 Paar elastische Über-Ohrbügel und 2 Paar Innen-Ohrbügel zur Befestigung der Ohrstücke. Die Anbringung der Bügel ist dabei weniger mühsam als beim iSine20, was daran liegt, dass flexibleres, unempfindlicheres Material verwendet wird. Die leicht gummierten Kunststoffbügel lassen sich ebenso unkompliziert anbringen wie entfernen. Während manche Testhörer mit den Innen-Ohrbügeln sehr gut zurechtkamen, fühlten sich andere mit der über die Ohrmuschel geführten Variante wohler. Der LCDi4 sitzt, so korrekt eingehängt, gewissermaßen wie Wölkchen am Ohr und wird auch bei langem Hören nicht lästig am Gehörgang. Die angeschrägten Hörtuben tragen ebenfalls zum hohen Tragekomfort bei.

Der LCDi4 kommt mit einem reichhaltigen Sortiment an Ohrpolstern und Haltebügeln, so dass der optimale Sitz bei jeder Ohrform gewährleistet ist.

Klang

Trotz der halboffenen Bauweise des LCDi4 dringt Musik erst bei sehr hohen Lautstärken nach außen, sodass die Umgebung kaum belästigt wird. Außengeräusche werden ebenfalls bedämpft, sind aber noch wahrnehmbar. Um den LCDi4 adäquat zu bespielen, hörten wir nach einer ausgiebigen Einspielzeit verschiedenstes Material sowohl über die DAPs iBasso DX200 und Acoustic Research AR-M2, als auch über den Violectric HPA V281 Referenz-Kopfhörerverstärker und das Tascam UH-7000 Audio-Interface.
Hatte der iSine20 bereits mit seiner akkuraten Auflösung und der blitzschnellen Impulswiedergabe sehr gut gefallen, legt der LCDi4 hier noch eine deutliche Schippe drauf. Auf den Punkt gebracht: Mit einem derart ausgewogenen, souveränen und unangestrengten Klang konnte bisher keiner der getesteten In-Ears und selbst nur wenige Over-Ear-Kopfhörer aufwarten. Der LCDi4 klingt tatsächlich wie ein hochklassiger magnetostatischer Over-Ear Kopfhörer vom Schlage eines Audeze LCD-X oder Hifiman HE1000. Deren Fähigkeit, jede kleine Veränderung im Setup, beispielsweise bei der Wahl des Kopfhörerverstärkers oder DAPs fast schon brutal aufzuzeigen, teilt der LCDi4 mit ihnen wie kein In-Ear Kopfhörer vor ihm.
Die Bässe reichen sogar tiefer als die des iSine20. Tiefbässe wie in Yellos „The Expert“ kommen so unmittelbar und plastisch, dass man schon die körperlichen Auswirkungen von Subwoofern bei Konzerten erwartet. Auch in den Höhen klingt der Audeze LCDi4 so klar, ungemein definiert und feinst aufgelöst, dass auch nicht das geringste Saitenschnarren, der leiseste Anblaston oder kürzeste Ausschwingen eines Beckens verloren geht. Selbst die unterschiedlichen Klänge verschiedener Schlagzeugfelle beim Anschlag fallen überdeutlich ins Ohr.
Dabei gehen dem LCDi4 alle Schärfen ab, er reagiert völlig entspannt selbst auf heftigste Dynamiksprünge und schnellste Impulse.
Die Räumlichkeit ist nicht nur in Hinblick auf die In-Ear-Bauweise beeindruckend. Im Iron and Wine-Titel „Last Night“, der sich durch ein sehr wirres Arrangement von gezupften Geigen, gestrichenem und gezupften Kontrabass, Xylophon, Backingchören und vielen anderen Instrumenten auszeichnet, wird die Aufstellung der einzelnen Musiker im Aufnahmeraum geradezu perfekt auf das Ohr übertragen – ein räumlicher Eindruck, der eher an das Hörgefühl mit hochwertigen Monitoren erinnert.
Durch seine Akribie findet der LCDi4 jeden Fehler in einer Aufnahme und ist damit auch für Mix- und Masteringaufgaben sehr zu empfehlen.

Edel verpackt kann der LCDi4 sicher verstaut werden. Als platzsparendere Möglichkeit liegt die Ledertragetasche bei.

Fazit

Mit dem LCDi4 hat Audeze nicht zuviel versprochen. Wer den Spitzenklang eines High End-Magnetostaten zum Mitnehmen wünscht, wird hier fündig. Mit der praktisch durchdachten Ausstattung, die für jede Tragegewohnheit das optimale Zubehör liefert, stehen ausufernden Abhör- oder Musikgenussstunden nichts im Weg. Einzig ein zweites, längeres Kabel für den Heimgebrauch wäre wünschenswert, denn ein dermaßen hochwertiger Kopfhörer macht nicht nur unterwegs eine Menge Spaß, sondern auch als First-Class-Heimkopfhörer. Klanglich ist der LCDi4 definitiv über alle Zweifel erhaben und stellt nicht nur In-Ears, sondern auch viele hochwertige Over-Ear-Kopfhörer in den Schatten.

STECKBRIEF AUDEZE LCDi4

Weitere Informationen 

Gewicht 47 g
Preis 2.999 €

BAUWEISE/AUSSTATTUNG
Wandlerprinzip 30 mm magnetostatischer Treiber
Bauweise halboffen, In-Ear
Anschlusskabel 1,2 m sauerstofffreies Kupferkabel, textilummantelt
Stecker 3.5mm vergoldet, gerade
Adapter Nein
Impedanz 35 Ohm
Zubehör 6 Paar Silikonstöpsel, 2 Paar Ohrklammern groß, 2 Paar Ohrklammern klein, Haltellammer, Reinigungsbürste, USB-Stick mit Anleitung und Garantie

 

BEWERTUNG AUDEZE LCDi4

KLANG Punkte
Neutralität (2x) 89
Feinzeichnung (2x) 89
Impulsverhalten 91
Räumlichkeit 88
Dynamikverhalten 90
Basstiefe 91
TESTERGEBNIS
Klangqualität (60%) 90
Tragekomfort (20%) 83
Verarbeitung (10%) 85
Ausstattung (10%) 85
Testurteil 87,3
Preis-Leistung sehr gut

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