Kamasi Washington – Heaven and Earth

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Seit seinem ungewöhnlichen Debüt 2015 gilt der Tenorsaxofonist und Arrangeur Kamasi Washington, der zuvor mit Snoop Dogg und Kendrick Lamar gearbeitet hat, als Jazz-Hoffnungsträger: Das Dreifachalbum „The Epic“, nahezu drei Stunden lang, hat der 37-Jährige mit einem Ensemble aus Band, Orchester und Chor eingespielt, größtenteils Eigenkomposition.

Band-dienliches Zusammenspiel hatte Washington früh in einer Methodistenkirche erlernt, er sieht sich von Coltrane, Wayne Shorter und Charlie Parker beeinflusst. „The Epic“ zeichnete sich durch fulminante, verquere, sich ständig wandelnde Arrangements aus, die trotzdem zum Zuhören einluden – die „Zeit“ etwa beschrieb die Musik passend als „Jazz mit intergalaktischer Energie“. 2017 erschien im Rahmen eines Multimediaprojektes eine EP, nun liegt mit dem Doppelalbum „Heaven and Earth“ wieder ein Longplayer im Wortsinne vor.

Knapp zweieinhalb Stunden Musik bietet das Album. Als Personal dienen erneut fast 50 Performer – Band, Orchester und Chor. Das erste Stück, „Fists Of Fury“, greift die frühere Opulenz auf und klingt wie ein Mix aus 1960er Jahre Easy Listening mit Latin-Rhythmen, komplexen schnellen Läufen von Piano und Tenorsaxofon, Gesangsstimmen à la Isaac Hayes und Chor. Gelegentlich tauchen Streicherwände auf, die dem Ergebnis einen Hauch von Bollywood-Harmonik verleihen.

Die fließenden Wechsel der Arrangements – erst Easy Listening, dann wieder abgefahrene Tonleitern, untermalt vom melodisch mäandernden Chor – lassen die Platte wie eine beschäftigte, friedlich dahinmorphende Playlist wirken. „Can You Hear Him“ bietet komplexe Rhythmen mit Breakbeat-Anklängen, die Melodieverläufe des Chors hätten auch zu Miloš Formans Hair-Musical gepasst – nur um von einem flinken wie verrückten Synthsolo abgelöst zu werden. „Connections“ transportiert mit zwei Drummern (links und rechts), jazzigen Klavierakkorden, prägnantem E-Bass und einer Synth-Wah-Sologitarre in seiner Aura nahezu einen Stilmix aus Miles Davis und Daft Punk.

Klar, wirklich massenkompatibel ist die Musik nicht. Durch die ungezwungene Spielfreude und Selbstverständlichkeit allerdings deutlich zugänglicher als akademisierter Jazz, der auf Reproduktion beharrt: Washington setzt auf spielerische Neugierde, komplexe musikalische Gebilde bedienen die Stimmung und ihre Weiterentwicklung. Die Stimmung ist das, was auch Gelegenheitshörer daran faszinieren dürfte,zumal die Musik dank der Chöre „geerdet“ bleibt, wenngleich einem manchmal der metaphorische Hut wegzufliegen droht. „The Invincible Youth“ beginnt beispielsweise als Kakophonie eines sich wild einspielenden Orchesters, bevor es durch einzelne Klaviertöne und ein verhältnismäßig ruhiges Arrangement mit geschäftigem Bass abgelöst wird. Wer bei den komplexen Momenten durchhält, wird mit überraschenden Wendungen und Auflösungen belohnt. „Testify“ wirkt mit seinem harmonischen Motiv fürWashington-Verhältnisse wie eine Pop-Single, mit Clavinet-Kaskaden und Frauengesang. „Vi Lua Vi Sol“ untermalt mit Vocoder-Gesang Washingtons vom Genre losgelöstes Denken, in „Show Us The Way“ bricht sich geordnetes Chaos Bahn, mit Klavier- und Saxofon-Orgien, die in ihrer Komplexität an Ornette Coleman erinnern. „Will You Sing“ schließt das Album mit flotten und ruhigen Drums gleichzeitig – links und rechts, als würden zwei unterschiedliche Songs gespielt, die doch gut ineinanderfließen.

Der Klang baut – wie bei jeder Platte – auf den Performances der einzelnen Musiker auf, und deren entspannte Entschlossenheit haut schlicht vom Hocker. Das Ergebnis klingt angenehm zeitlos, als wäre die Aufnahme gerade eben oder schon vor 60 Jahren entstanden, mit toller Räumlichkeit und Stereobreite. Angesichts der unzähligen Elemente, die im Mix untergebracht sein wollen, setzt die Abmischung eher auf „schmalere“ Einzel-Sounds, die trotzdem plastisch wahrnehmbar sind. Der Mix klingt ansprechend, ohne die Härte, die einem bei zeitgenössischen Jazz-Platten sonst allzu oft als vermeintliche „Klarheit“ feilgeboten wird. Die klangliche Selbstverständlichkeit fördert nicht zuletzt die Durchhörbarkeit, trotz des komplexen Materials. Klang und Performance bilden eine Einheit: Zeitlos, ohne Retro-Allüren, und ohne den Drang, etwas beweisen zu müssen – wenngleich die Musik genau das tut. Vielleicht deswegen.

BEWERTUNG KAMASI WASHINGTON – HEAVEN AND EARTH

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 9
Klang 8
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