Jeff Tweedy – Love is the King

Jeff Tweedy, Sänger und Gitarrist der Alternative-Rock-Band Wilco aus Chicago, ist auch außerhalb der Gruppe umtriebig. Aktuell hat der 53-Jährige bereits sein viertes Soloalbum veröffentlicht: Die Songs zu „Love is the King“ entstanden demnach unter dem Eindruck des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020. Bei den Aufnahmen wirkten zudem  auch seine beiden Söhne Spencer und Sammy mit.

Jeff Tweedy liefert minimalistisch-rauen Folk-Rock

Der Titelsong startet mit einem langsamen, fast schunkelnden Akustikgitarren-Pattern, dazu dumpfes, minimalistisches Schlagzeug. Jeff Tweedy singt fast stoisch kurze Phrasen über Schmerz, Verlust und Schönheit – über die Herrschaft der Liebe, der er unterliegt. Das klingt merkwürdig nüchtern und doch nahbar – die Stimme von Jeff Tweedy erinnert dabei mit dem leichten Echo an die fast schamhafte, schüchterne Verletzlichkeit mancher John-Lennon-Aufnahmen. „Opaline“ klingt nach einer flotteren Country-Folk-Ballade, mit Vintage-anmutenden Drums, Akustikgitarre, cleaner Country-Melodiegitarre sowie dumpfem Bass. Die Mischung unterlegt die eingängigen Gesangsmelodien. „A Robin or a Wren“ – ähnlich gelagert – fällt sanfter und zurückhaltender aus. Hier erinnert Jeff Tweedy an eine losere, fast demohafte Version von Jonathan Wilson – ein erster Höhepunkt. Auch „Gwendolyn“ greift jene raue ‚Rumpelhaftigkeit‘ auf und verweist in der Machart beispielsweise auf die Atmosphäre der Beatles-Nummer „The Ballad of John and Yoko“.

Auch bei Jeff Tweedy herrscht Lockdown-Melancholie

Mit Konzertgitarre als Akkord-Instrument hinterlässt „Bad Day Lately“ eine fast beklemmend-melancholische Grundstimmung, die in einem kraftvollen Refrain mit Drums und tollen angecrunchten, nahezu experimentellen E-Gitarren-Licks kulminiert – ein weiterer Anspieltipp. „Even I Can See“, ebenfalls mit Konzertgitarre aufgenommen, basiert auf einem reduzierten Zupf-Pattern, dazu dem grundtönigen Gesang von Jeff Tweedy und einzelnen Melodie-Einwürfen; hier entstehen stellenweise schöne Miniaturen – ebenso ein Höhepunkt. „Natural Disaster“ kombiniert einen leicht vertrackten Rhythmus mit interessanten Folk-Country-Atmosphären. „Save it for Me“ bleibt mit seinem Besen-Drumming und Pfeif-Harmonien hingegen eher belanglos. „Troubled“ schleppt fast ertränkende Schwermut, ähnlich wie „Half-Asleep“, das die elf Stücke harmonisch interessant schließt. Bei Letzterem klingt wieder Jonathan Wilson an, der das Genre der atmosphärischen Folk-Country-Balladen in Klang und Gesang allerdings konsequenter abdeckt.

Gelungene Songs und Vintage-Klangbild

Die weitgehend gelungene Song-Sammlung zeigt die Fähigkeiten von Jeff Tweedy als hochkarätigem Songwriter auf. Im Vergleich zu den Wilco-Alben klingt „Love is the King“ puristischer und minimalistischer mit Vintage-Retro-Charme – wie eine dumpfe Mehrspur-Homerecording-Aufnahme aus den 1970er-Jahren. Ein Album mit ähnlichem Klangbild hat kürzlich Ray LaMontagne mit „Monovision“ veröffentlicht (zur Plattenkritik). Im Falle von Jeff Tweedy ist das Bassfundament füllig gemischt, auch einzelne Elemente sind gut greifbar. Im Stereopanorama hat er sich teils für Extreme entschieden; so sind die Drums beispielsweise betont links zu hören. Der Gesang klingt oft dünn, alle Instrumente scheinen verhangen, ohne klare Obertöne, dazu übersteuert die im Vordergrund stehende Bassdrum. Das hat einerseits einen „Retro-Reiz“, gleichzeitig wird das Ergebnis obskur statt zeitlos. Das schränkt – verbunden mit dem eher lässigen Timing der Instrumente – das Potenzial der oft gelungenen Songs ein wenig ein.

JEFF TWEEDY – LOVE IS THE KING

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 8
Klang 7
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