Coldplay – Everday Life

Mit „Everday Life“ veröffentlicht das britische Pop/Rock-Quartett Coldplay sein achtes Studioalbum. Das teilt sich in zwei Hälften: „Sunrise“ und „Sunset“.

Coldplay mal anders

Das gleichnamige Stück „Sunrise“ besteht aus einem aufwendig arrangierten  Streicher-Instrumental, das elegisch und melodisch ‚groß‘ klingt – in Richtung Filmmusik. Statt den Latin-Elektro-Anleihen mancher Vorgänger-Alben setzt die Band dieses Mal stattdessen auf World-Music-Einflüsse: „Church“ mischt einen vertrackten Beat mit atmosphärischen Synth-Sounds, Streichern und Sitar-ähnlichen Klängen. Das wirkt eingängig und vergleichsweise unverbraucht.

„Trouble in Town“ erscheint minimalistisch, über dumpfen Piano- und trockenen Rhythmus-Sounds und angenehm verbindenden Basslinien steht Chris Martins Gesang im Vordergrund – kein Refrain, der sich in die Gehörgänge zu drängen sucht, sondern ein unaufdringliches Kleinod. „Broken“, als Call-and-Response mit Klavier, Clapping und einem Gospel-Chor arrangiert, wirkt wiederum denkbar wie ein Kontrastprogramm: rein akustisch, und ebenfalls wieder ohne Pop-Allüren.

„Daddy“ ist eine leise Klavierballade, bei der Martin ebenso leise singt, und zu der sich gegen Ende ein herzschlagartiger Rhythmus, zurückhaltende Basslinien und Akustikgitarre gesellen – ideal als Untermalung für herbstliche Couch-Tage. „WOTW / POTP“ (Wonder of the World / Power of the People) klingt nach einem kurzen, sehr rau performten Akustik-Demo, das Chris Martin als Lo-Fi-Ideenmitschnitt irgendwo in der Natur und unter Vogelgezwitscher aufgenommen hat.

„Everyday Life“ kann aber auch ‚Typisch Coldplay‘

„Arabesque“ wiederum greift bisherige Latin-Pop-Ausprägungen von Coldplay auf, mit Viertel-Bassdrum-Rhythmus, Akustikgitarre und Bläsern. Am Ende setzen dann auch Fanfaren-Synthesizer ein – allerdings wirkt der Track eher wie Füllmaterial. In „When I Need a Friend“, das mit Gewittergeräuschen beginnt, wird Martin von Klavier und einer Mönchschor-Ästhetik (die London Voices) begleitet. Das klingt ätherisch und transportiert Ruhe, am Ende folgt ein Monolog aus einem Dokumentarfilm über einen Honduraner, der an Polio erkrankt ist, aber trotzdem die letzten 50 Jahre einen eigenen Helikopter gebaut hat.

Der zweite Teil des neuen Coldplay-Albums beginnt mit „Guns“, einem vergleichsweise fetzigen, eingängigen Akustik-Pop-Song mit filigranem Rhythmus, einem wütenden Text zum Thema Ausbeutung und einer Gewaltspirale. Nach knapp zwei Minuten ist die Ode so plötzlich vorbei, wie sie begonnen hat – ein Highlight und zugleich angenehm, dass Coldplay sich gängigen Formaten hier entzieht. „Orphans“ ist mit Elektro-Latin-Rhythmus, Refrain mit Clapping und Background-Chor dann wiederum Coldplay-typisch – hier hat unter anderem der Pop-Produzent Max Martin mitgewirkt.

„Èkó“ erscheint als erfrischend beschwingte moderne World-Music-Ballade mit Piano, Akustikgitarre, zurückhaltendem Beat, Kontrabass und verhalltem Gesang – ein weiterer Höhepunkt. Der Stilmix erinnert entfernt an Paul Simons „Graceland“-Experimente. „Cry Cry Cry“ klingt nach Dub-Minimalismus mit einem Klavier-Riff und Doo-Wop-Background-Vocals: ungewohnt eingängig und interessant. Die filigrane Akustikballade „Old Friends“ fasziniert in ihren knapp zweieinhalb Minuten mit ungewohnten Harmonien und toller Atmosphäre – ein weiterer Anspieltipp.

„Champion of the World“ bietet den typisch-vertrackten Coldplay-Schlagzeug-Rhythmus aus früheren Tagen; ein grundtöniger Pop-Song mit öffnendem Refrain, bei dem der Funke allerdings nicht wirklich überspringen mag. „بنی آدم“ („Children of Adam“) liefert eine beeindruckende Instrumental-Klavierkomposition, bevor der Song nach anderthalb Minuten in ein Musikbett aus Bass, Gitarre und Drums mündet, über das ein Gedicht auf Persisch von einer Frauenstimme rezitiert wird. Der Titelsong mischt zum Schluss Piano-Kadenzen mit typischem Coldplay-Feeling zwischen Dur und Moll mit flinken Streicher-Motiven und Drum-Computer-Beats. Das stört nicht, aber bleibt gleichzeitig unentschlossen.

Das neue Album von Coldplay im Klang-Check

Klanglich ist „Everday Life“ im besten Sinne solide – ohne anhaltende Kompression bis zur Nulllinie, ohne Präsenzspitzen, die mit Verve ans Innenohr klopfen. Lediglich das Klavier bei „Daddy“ erscheint leicht seltsam phasenverschoben im Stereobild, ebenso wie der Mönchschor in „When I Need a Friend“. Ein Lautstärkesprung erscheint in dem Song gewöhnungsbedürftig. Wirklich dreidimensional plastische Klänge bleiben auf dem Album aus, mit Ausnahme der direkten Aufnahme von „Guns“ und „Old Friends“.

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Coldplay warten auf „Everyday Life“ auch mit ganz neuen Klängen auf.

Davon abgesehen transportiert auch der Klang die musikalische Ruhe des Albums in gelungenem Maße. Dabei wirkt der Mix verschiedener Stile einerseits gewagt abstrakt, andererseits ist es ein mutiger Schritt weg von Gleichförmigkeit. Insgesamt überzeugen besonders die ‚puristischeren‘ Songs wie „Old Friends“, „Èkó“, „Guns“ oder „بنی آدم““ („Children of Adam“). Ein Detail am Rande: Auf eine Tournee will die Band vorerst verzichten, bis dafür eine klimaneutrale Möglichkeit gefunden ist-

COLDPLAY – EVERYDAY LIFE

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 7
Klang 8
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