Charles Lloyd and the Marvels + Lucinda Williams – Vanished Gardens

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Der 80-Jährige amerikanische Tenorsaxofonist und Flötist Charles Lloyd hat über die Jahrzehnte die Grenzen von Jazz, Folk und Rock ausgelotet. Der Musiker spielte Ende der 1950er Jahre in der Band von B. B. King, später etwa mit Keith Jarrett, Jack DeJohnette oder Ron Carter. In den 1970er Jahren folgte eine rund zehn Jahre lange Auszeit als Meditationslehrer. Jene Ganzheitlichkeit des Musikers macht sich auch im musikalisch-atmosphärischen Kontext bemerkbar.

Vor zwei Jahren veröffentlichte Lloyd ein erstes Album seiner damals neu gegründeten Begleitband „The Marvels“ („I Long To See You“), zusammen mit dem gut eingespielten Gitarristen-Duo Bill Frisell und dessen Pedal-Steel-Kollegen Greg Leisz, Bassist Reuben Rogers und Drummer Eric Harland. Als Gastsänger tauchten Norah Jones und Willie Nelson auf. Mit „Vanished Gardens“ folgt nun das zweite Album – gleiche Instrumental-Besetzung, die Gesangs-Parts übernimmt dieses Mal die Rock- und Country-Sängerin Lucinda Williams bei fünf der zehn Stücke.

Insgesamt bietet das Album Stücke in bedächtigem Tempo, die zu genauem Hinhören einladen: Beim Opener, dem knapp neunminütigen instrumentalen „Defiant“, erinnern die Akkordfolgen entfernt an Intros aus Mark Knopflers „Local Hero“-Filmmusik, mit atmosphärischen Saxofonklängen, die sich gelegentlich in flinken Phrasierungen zu verlieren drohen. Flankiert wird Lloyds Spiel durch Bill Frisells geschmackvolle, cleane, getragene Akkordbrechungen und Greg Leisz’ scheinbar mühelos schwebenden Pedal-Steel-Klängen – die beiden Musiker spielen sich gegenseitig zu. Ein weiteres Highlight stellt das noch ruhigere Instrumental „Ballad Of The Sad Young Man“ dar, das vor allem Frisell mit seinen Harmonien trägt, untermalt von minimalistischem Schlagzeug. Der Titelsong sbricht aus der Bedächtigkeit aus, bietet nächtliche, suchende Bar-Atmosphäre, mit wilderen Free-Jazz-Elementen.

In der getragenen Americana-Ballade „Dust“ wechselt sich Lucinda Williams, die mit Südstaaten-Slang und typischem leichten Vibrato singt, mit unruhig geschäftigen Saxofonpassagen Lloyds ab. Bei „Ventura“, einer langsamen, bluesigen Americana-Erzählung, treten sich die Beiträge von Lloyd und Williams im Arrangement gelegentlich auf die Füße. Bei „We’ve Come Too Far To Turn Around“ und „Angel“ – zwei Highlights – harmonieren die sich abwechselnden „Strophen“ zwischen Gesang und Saxofon samt Charles Lloyds bluesig-flinken Läufen gut. Das knapp zwölfminütige „Unsuffer Me“ zeigt die Band als gut eingespielte Einheit, mit tollem Melodiebogen, minimalistischem New-Orleans-artigem Groove und prägnanter Gesangsrhythmik.

Ein Wermutstropfen: Allzu flinke, experimentelle Saxofonpassagen Lloyds wirken in den ruhigen Stücken teilweise wie Fremdkörper, die den atmosphärischen Aufbau mehr infrage stellen, als ihn zu erweitern, und auch im Gesamtklang deutlich herausstechen – das muss man mögen. Andere Hörer dürfte gerade die einheitliche Atmosphäre zwischen Frisell, Leisz, Rogers und Harland ansprechen.
Klanglich erweist sich das Album mit seinem dynamischen Mix mit kräftigem Bass-Fundament als äußerst gelungen, mit größtenteils plastisch gut „greifbaren“ Instrumenten, in musikalisch tollem Fluss.

BEWERTUNG CHARLES LLOYD AND THE MARVELS + LUCINDA WILLIAMS – VANISHED GARDENS

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 8
Klang 8
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