Glitzernde Bühnenoutfits, makellose Tanzroutinen und Musikvideos mit Blockbuster-Feeling – das ist K-Pop. Die koreanische Popmusik ist inzwischen zu einem internationalen Massenphänomen geworden und wird von Millionen von Fans nicht nur in Asien, sondern mittlerweile auch auf der ganzen Welt gefeiert. Im Internet ist K-Pop heutzutage beinahe schon omnipräsent – und doch läuft dieses Phänomen für viele noch immer unter dem Radar. Was hat es hiermit also eigentlich genau auf sich? Wie kam es zu dem immensen Hype um das Phänomen K-Pop? Und hat es ähnliche Schattenseiten wie die schonungslose Boyband-Industrie der 90er?

Man nennt es auch „Hallyu“, die koreanische Welle – das Phänomen, dass die südkoreanische Popkultur eine rapide zunehmende Bedeutung auf dem globalen Weltmarkt gewinnt. Diese Erscheinung zieht sich durch eine enorme Bandbreite an Branchen und Bereichen: von der Kosmetik, wo sich insbesondere koreanische Hautpflege-Produkte größter Beliebtheit erfreuen, über die unzähligen „K-Drama“-Serien auf Netflix bis hin zu koreanischem Essen, koreanischer Mode und der koreanischen Sprache. Und im Mittelpunkt all dessen steht der treibende Faktor der Hallyu-Welle: K-Pop.

Das steckt hinter dem Phänomen K-Pop

K-Pop, kurz für „Korean Popular Music“, ist ein sehr breit aufgestelltes musikalisches Genre, das sich in den 1990er-Jahren parallel zu den zahlreichen Boy- und Girl Groups aus den USA und J-Pop – also: „Japanese Pop-Music“ – entwickelt hat. Der Musikstil ist im Grunde eine Art Hybrid aus mehreren Genres. Dabei liegt der Fokus zwar im Wesentlichen auf Popmusik, doch stellt der zunehmende Einfluss aus anderen musikalischen Stilrichtungen wie Rock, Techno und Hip-Hop sicher, dass das Phänomen K-Pop sämtliche Geschmäcker trifft.

K-Pop - Hallyu-Welle
Die „Hallyu“-Welle – ein globales Massenphänomen

Obwohl die Musik und die in K-Pop dargebotene Diversität eine große Anziehungskraft besitzen, liegt der wahre Grund hinter der exorbitanten Popularität des Genres in dessen visuellen Unterhaltungsmöglichkeiten. Denn in vielerlei Hinsicht ist K-Pop eine Show; eine ausgeklügelte Vorführung, in der die Verpackung fast noch wichtiger ist als der Inhalt. Es handelt sich dabei um einen akribisch geplanten Mix aus hochwertigen Musikvideos und ausgeklügelten Choreografien, welche in Kombination mit den Sängern, die so zahlreich wie attraktiv sind, alle Sinne der Fans ansprechen sollen. Nun kann es damit aber auch nur allzu leicht einmal zu viel des Guten sein, und so manch einer spricht im Zusammenhang mit K-Pop mehr von einer Sinnesüberflutung, denn von einer angenehmen Stimulation. Jedoch ist es unbestreitbar, dass die Industrie hiermit ein außerordentliches Erfolgsrezept gefunden, aufpoliert und bis zur Perfektion getrieben hat – die eindrucksvollen Verkaufszahlen und eine immerzu wachsende Liste an gebrochenen Rekorden sprechen für sich…

K-Pop – Eine gigantische Erfolgsstory

Es scheint, als ob die fast schon hysterische Popularität des Genres wie über Nacht entstanden sei. In den Medien wird von Millionen von YouTube-Views innerhalb kürzester Zeit berichtet, Konzerttickets der größten K-Pop-Acts verkaufen sich sogar schneller als die von Megastars wie Ed Sheeran oder Taylor Swift – und doch hat die breite Öffentlichkeit bis jetzt noch nie etwas von dem Musikstil gehört. Für die meisten Menschen ist K-Pop tatsächlich wie aus dem Nichts in ihrem Blickfeld aufgetaucht. Doch ein genauerer Blick auf die Geschichte des Genres zeigt, dass sich dessen heutiger Erfolg schon seit ungefähr zehn Jahren angebahnt hat: Die Wonder Girls schafften es mit ihrem Hit „Nobody“ (2009)als erste K-Pop-Gruppe in die US-Charts „Billboard Hot 100“ zu gelangen und agierten sogar als Opening Act für die Welttournee der Jonas Brothers. Einen weiteren Grundbaustein für den heutigen Mainstream-Erfolg legte der südkoreanische Rapper Psy. Sein Viral-Song „Gangnam Style“ (2012) erreichte weltweit Spitzenplätze in den Charts und war bis 2017 mit 2,9 Billionen Views zudem das meistgesehene YouTube-Video.

K-Pop BTS 2
Die international erfolgreiche K-Pop-Band BTS

Doch es sind vor allem die jetzigen K-Pop-Bands, die auf dem Höhepunkt der Hallyu-Welle schwimmen und einen bisher nie gekannten globalen Erfolg genießen können: Black Pink gab als erste K-Pop-Girlgroup Performances bei Coachella, einem der berühmtesten Musikfestivals weltweit, und die Boygroup BTS erreichte mit beiden ihrer 2018er-Alben den ersten Platz in den „Billboard Hot 100“-Charts. Beeindruckend liest sich auch die Anzahl an Views, welche die Musikvideos dieses Genres– und insbesondere dieser beiden Gruppen – bislang schon einheimsen konnten: Black Pink erreichte jüngst als erste K-Pop-Band die Eine-Billion-Marke für ihren Song „Ddu-Du Ddu-Du“, während das Musikvideo zu „Boy with Luv“ von BTS ganze 74,6 Millionen Views in nur 24 Stunden erreichte. Bei den beiden genannten Gruppen handelt es sich gewiss um die Bekanntesten in der westlichen Hemisphäre, doch ist die K-Pop-Szene natürlich weitaus umfangreicher. Weitere aktuelle Größen sind zum Beispiel Twice, ihres Zeichens die Girlgroup mit den meisten Daesang-Awards (Die wichtigsten Auszeichnungen in der südkoreanischen Musikindustrie), und die multinationale Boygroup EXO. Darüber hinaus werden auch Acts wie Girls Generation und Big Bang als K-Pop-Legenden bejubelt.

Ein Genre im Sog der Globalisierung

Der globale Export von K-Pop hat die südkoreanische Musikindustrie zu Proportionen gigantischen Ausmaßes getrieben: Ihr geschätzter Wert beträgt laut Bloomberg.com und The Hollywood Reporter derzeit 5 Billionen Dollar – Tendenz steigend. Diesen Erfolg verdankt das Genre zwei Faktoren: der Globalisierung und dem dazugehörigen Wachstum des Internets. Plattformen wie YouTube und Instagram sind unerlässlich für die Verbreitung von K-Pop, das als audiovisuelles Gesamtkonstrukt mehr als nur das Radio als Medium braucht. Und dem Internet sei Dank sind Fans heutzutage zum einen auch dazu in der Lage, den Inhalt der konsumierten Unterhaltung zu verstehen – während Anhänger des Musikstils Anfang der 2000er noch mühsam nach den bestenfalls spärlich vorhandenen Übersetzungen suchen mussten. Zum anderen existiert inzwischen eine Vielzahl von Channels und Plattformen, die Inhalte aus der K-Pop-Industrie mit Untertitel anbieten, wohingegen die meisten Videos damals lediglich in sehr geringer Qualität vorlagen.

Auch das schon eingebaute System der „Musik-Shows“ hilft den K-Pop-Idolen dabei, besser im Blickfeld der Öffentlichkeit –und somit auch stets relevant –zu bleiben: In Korea gibt es zurzeit sechs wichtige Channels (MTVs „The Show“, MBCs „Show! Music Core“, KBSs „Music Bank“, Mnets „M! Countdown“, MBC Musics „Show Champion“ und SBSs „Inkigayo“), die eine ähnliche Funktion wie MTV in den USA einnehmen: Dort promoten und führen K-Pop-Bands ihre neusten Singles inklusive der zugehörigen Choreografie auf. Entsprechend dem individuellen Showkonzept werden dabei aus einer Berechnung der Fan-Stimmen sowie der Album-Sales und Streaming-Zahlen das Gewinner-Lied beziehungsweise die Musiker der Woche auserkoren. Dies verleiht dem Ganzen einen zusätzlichen interaktiven Twist, wodurch Fans ihre Lieblingsstars aktiv unterstützen können und somit noch emotionaler eingebunden werden.

K-Pop - South Korean Nightlife
Auch das südkoreanische Nachtleben wirkt schon auf den ersten Blick „very international“.

Ein weiterer Grund des jetzigen K-Pop-„Wahns“ liegt in der Tatsache begründet, dass das Genre zunehmend dem internationalen Geschmack zuspielt: Die Lyrics der Lieder setzen mittlerweile immer öfter auf einen Mix aus englischer und koreanischer Sprache, und selbst der Musikstil sowie die Image-Konzepte der Gruppen verändern sich den Trends und den sich wandelnden Wertvorstellungen des Westens entsprechend. Das lässt sich beispielsweise an der wachsenden Anzahl von „Girlcrush“-Gruppen beobachten: Lange Zeit war das ideale Frauenbild in Asien von Reinheit, Unschuld und Lieblichkeit geprägt, was sich auch im Image der K-Pop-Sängerinnen und ihren Liedern widerspiegelte. Nun, getrieben vom New-Age-Feminismus und dem international bevorzugten „Sex-Appeal“-Konzept, finden sich im K-Pop immer mehr Girlgroups mit „Badass“-Image, die auf Unabhängigkeit und Emanzipation plädieren – also wie gemacht für die Wertevorstellungen der Hauptrezipienten von K-Pop: Millennials und die nachfolgende Generation Z, zu welcher zwischen 1997 und 2012 geborene Teenager und junge Erwachsene zählen.

Kulturgut K-Pop

Derlei Anpassungen an den Westen werden zum Beispiel dem diggit magazine zufolge nicht durchweg gutgeheißen, da das Genre hierdurch in den Augen der Kritiker seine eigenen speziellen Merkmale und Besonderheiten zu verlieren droht. Dennoch sind sich sowohl die leidenschaftlichsten Widersacher als auch die hartnäckigsten Verfechter einig, dass diese Veränderung dem Phänomen K-Pop auf der globalen Bühne zu neuen Höhen verholfen hat – ob diese nun eher als positiv oder negativ zu bewerten sind, sei einmal dahingestellt.

K-Pop South Korean Culture
K-Pop ist zu einem festen Bestandteil der koreanischen Kultur geworden.

Für Südkorea ist K-Pop somit mehr als nur eine Musikrichtung: Es ist in gewisser Weise zum Gesicht des Landes, auf jeden Fall aber der Popkultur, geworden. Die repräsentative Stellung des Genres zeigt sich am Beispiel der Olympischen Winterspiele von 2019 in Pyeongchang: Die Olympischen Spiele haben den Gastgeberländern schon immer die Möglichkeit gegeben, sich selbst im Angesicht der Welt zu inszenieren, ihre Stärken zur Schau zu stellen und anderen Nationen die wichtigsten Aspekte der eigenen Kultur näherzubringen. Dass K-Pop bei den Olympischen Winterspielen von 2019 in Pyeongchang beinahe ununterbrochen in allen Stadien gespielt wurde und Musiker wie CL und EXO eingeladen worden waren, um bei der Abschlusszeremonie aufzutreten, zeugt vom hohen Identifikations- und Stellenwert, den das Genre in seiner Heimat genießt. Ein weiteres Beispiel ist die Teilnahme der Girlgroup Red Velvet in einem von Süd- und Nordkorea gemeinsam abgehaltenen Musik- und Kunstfestival, das als weiterer Schritt zur Annäherung dieser gespaltenen Nationen angesehen wird. Eine K-Pop-Band zu solch einem ereignisvollen Event zu schicken, sagt also einiges über die Wertigkeit dieses Musikstils aus: Es ist ein südkoreanisches Kulturgut, das seine Bedeutung nicht nur den daraus zu gewinnenden Einnahmen, sondern auch aus dessen Relevanz für nationale wie internationale Beziehungen zieht.

Die andere Seite der Medaille

Dennoch: Die Industrie boomt, die Verkaufszahlen und Medienpräsenzsind heute so hoch wie nie. Und auch die Musiker scheinen alles richtig gemacht zu haben – an nichts scheint es ihnen zu fehlen, sie werden verehrt und bewundert. Doch hinter der glitzernden Fassade aus Erfolg und Blitzlicht steckt viel mehr, als es zunächst den Anschein hat: Im Gegensatz zu den (meisten) Musikern im Westen müssen Idole der südkoreanischen Musikszene eine lange und vor allem sehr intensive Trainingszeit hinter sich bringen, wie aus einem Beitrag des Korea Herald aus dem Jahr 2014 hervorgeht. Niemand wird einfach so zu einem K-Pop-Idol:

Zunächst müssen sich hoffnungsvolle Anwärter zwischen tausenden von anderen Talenten in harten Castings hervortun, damit sie in das Trainingsprogramm einer Agentur eingelassen werden. Sobald diese erste Hürde überwunden ist, müssen die Anwärter als sogenannte „Trainees“ ein rigoroses Ausbildungssystem durchlaufen. Professionelle Lehrer bringen ihnen singen, tanzen, rappen und verschiedene Sprachen bei, ihnen wird vorgeschrieben, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu verhalten haben –und all das müssen sie auch noch mit ihren normalen Schulaktivitäten unter einen Hut bekommen. Da die meisten Agenturen in der Hauptstadt Seoul liegen, leben die meisten Trainees in bereitgestellten Schlaf- und Wohnsälen. Viele von ihnen sehen ihre Familie nur am Wochenende oder alle paar Monate einmal, weshalb das System sehr umstritten ist – insbesondere, da die meisten Trainees schon ab einem Alter von ungefähr zehn bis 15 Jahren anfangen und es ihnen somit an elterlicher Unterstützung und Erziehung mangelt.

K-Pop große Bühne
Bis auf die ganz große Bühne ist es für K-Pop-Trainees ein steiniger Weg.

Und was den Trainees an familiärer Regulierung fehlt, wird durch die strenge Überwachung der Labels ersetzt. Wie die Hollywood-Führungskräfte in den 40er-Jahren, welche berüchtigt dafür waren, umfangreiche Kontrolle über das Privatleben der Schauspieler zu haben, ist auch der Einfluss der K-Pop-Agenturen auf die Trainees erschreckend groß: Smartphones werden aktiv kontrolliert oder den Anwärtern gar ganz abgenommen, ihnen wird die Diät genauestens vorgegeben. Und wenn das Aussehen eines Trainees dem Ideal der Vorgesetzten nicht entspricht, können sie sogar dazu gezwungen werden, eine plastische Chirurgie über sich ergehen zu lassen. Natürlich legen sich viele Idole aufgrund des hohen Schönheitsstandards in Korea auch freiwillig unter das Messer – doch auch so manch ein Freiwilliger gibt zu, dass Kommentare und Vorschläge vom oberen Management eine große Rolle bei ihrer Entscheidung für eine Schönheits-OP gespielt haben, wie man bei Hellokpop.com lesen kann.

K-Pop-Stars als Rädchen im Getriebe einer schonungslosen Machinerie

Für die Agenturen sind Trainees Anlangen, in die sie hinein investiert haben – und von denen sie erwarten, im Gegenzug völlig entschädigt zu werden, wie das Entertainment-Magazin Seoul Beats berichtet. Der Unterricht, die Prüfungen, die Operationen und Regeln – nichts davon geschieht komplett aus freier Entscheidung, und alles trägt zu einem wachsenden Schuldenbetrag auf dem Konto der Trainees bei. Auch die Produktion von Musikvideos und selbst das Gehalt des Personals wird den Trainees in manchen Fällen von den Labels hinzugerechnet, weshalb die meisten Idole, wenn überhaupt, erst einige Jahre nach ihrem Debut überhaupt Geld verdienen. Dies geht mitunter aus Berichten sowohl von SBS als auch von Dongbanger.com mit Bezug auf OMGKpop.com hervor. Das bedeutet: Obwohl K-Pop eine Multi-Billionen-Industrie ist, haben die eigentlichen „Stars“ meistens nur sehr wenig von diesem Reichtum– ein klarer Unterschied zu den Promis, die die meisten von uns kennen.

Man nennt es das „Break Even“-Konzept, das von Studios kreiert wurde, um die volle Kontrolle über ihre Musiker zu bewahren, wie das koreanische Popkultur-Magazin SOOMPI weiß. Auf diese Weise können die Labels ihre Musiker so lange und unter den schlimmsten Konditionen arbeiten lassen, bis diese ihre Schulden beglichen haben. Selbst wenn sie verletzt oder krank sind oder wegen der vielen Aktivitäten nicht einmal eine ganze Stunde Schlaf am Tag bekommen haben, zwingen viele Studios ihre Idole zum Tanzen und Auftreten. Wenn man als werdender K-Pop-Star einen Vertrag mit einer Agentur unterschreibt, geht es dabei also nicht nur um einen Rekord-Deal, es geht um einen langen Zeitraum und betrifft die unterschiedlichsten Aspekte des eigenen Lebens. Kritiker vergleichen diese Verträge mit einem Deal mit dem Teufel und bezeichnen sie als ausbeuterisch, da diese in der Vergangenheit dem Online-Magazin BEYOND HALLYU zufolge eine Dauer von bis zu zwölf Jahren beinhalten konnten. Der Konkurrenzkampf darum, überhaupt jemals als „Idol“ debütieren zu können, ist sehr hart: Viele fallen in dem rigiden Ausbildungssystem durch und stehen am Ende mit einem großen Schuldenberg und ohne vernünftige Zukunftsaussichten da.

K-Pop BTS
BTS haben es bis ganz nach oben geschafft – eine echte Ausnahme in dem harten Business

Gruppen und Musiker, die unter bekannten Labels debütieren, haben dagegen meist bessere Chancen, populär und somit ihre Schulden los zu werden. So wird das Break-Even-Konzeptbei den größten Musikstudios der Industrie, etwa bei SM Entertainment, nicht angewendet, und die Stars verdienen von Anfang an Gehalt. Die Arbeitskonditionen sind indes immer noch sehr straff, und beinahe 90 Prozent des Profits gehen auch hier an das Label. Idole von kleineren Agenturen haben es allerdings deutlich schwerer, Berühmtheit zu erlangen. Das liegt zum einen daran, dass das südkoreanische Pop-Geschäft aufgrund des K-Pop-Hypes übersättigt ist und der Markt von Gruppen und Solisten überschwemmt wird. Allein in 2018 debütierten sage und schreibe 91 neue K-Pop-Gruppen – alle Investoren wollen nun einmal vom Erfolg der Hallyu-Welle profitieren. Das macht es Musikern der etablierten Agenturen einfacher hervorzustechen, da ihre Labels sowohl die Ressourcen als auch einen entsprechenden Ruf haben, so das koreanische Online-Magazin Hypebae.com. Tatsächlich geschieht es nur sehr selten, dass Bands  kleiner Labels die Spitze des Musikgeschäfts erreichen, was den großen Erfolg von BTS zu einer echten Ausnahme macht.

Denn um die vielen vergessenen Namen und übersehenen Gesichter steht es oft sehr schlecht. Denn wie in allen anderen Unterhaltungs-Industrien, so kommen auch im südkoreanischen Showgeschäft unlautere Praktiken und Korruption vor, wie unter anderem Seoul Beats und das Online-Magazin allkpop.com berichten. Und die Opfer dieses harten Geschäfts sind nur allzu oft diejenigen, die von ganz oben träumen, es jedoch nie bis dorthin schaffen. Man spricht laut Seoul Beats mitunter sogar von „sexuellem Sponsoring“ oder Arbeitsplatz-Erpressung: Im Gegenzug für bessere Promotion, TV-Zeiten und Programme zwingen die Agenturen – oder spezielle Vermittler – ihre Schützlinge dazu, ihrem Förderer gewisse Gefälligkeiten zu erbringen. Oder eine Autoritätsfigur aus dem eigenen Management droht den Trainees damit, dass sie nicht als Musiker debütieren dürften, wenn sie diese Anweisungen nicht befolgen.

Laut einer Studie des Korean Women’s Development Institute sind insbesondere weibliche Trainees sehr anfällig für solche Belästigungen, da diese meist noch sehr jung und auf Erwachsene angewiesen sind (der Korea Herald berichtete). Und von dieser Art von Korruption ist nicht nur das Pop-Geschäft betroffen: Der Fall Jang Ja-yeon bewies, dass sich solche Praktiken durch die  gesamte südkoreanische Unterhaltungs-Industrie ziehen. Besagte Schauspielerin beging 2009 schließlich Selbstmord. In ihrem Abschiedsbrief beschrieb sie, wie sie dazu genötigt wurde, mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu schlafen. Ihr Tod veranlasste den Staat schließlich dazu, den „Popular Culture Industry Act“ aufzusetzen, welche die Menschenrechte der Künstler schützen, unfaire Verträge verbieten und sexuellem Missbrauch vorbeugen soll.

Wenn selbst Regierungen machtlos sind …

Doch selbst die Regierung vermag die harte Bewertung und hohen Ansprüche der Öffentlichkeit an ihre Popstars nicht einzuschränken. Obwohl Belästigungs-Skandale in den letzten Jahren zurückgegangen sind, bleibt die mentale Gesundheit weiterhin eines der größten Probleme in der K-Pop-Branche. Denn Idole müssen perfekt sein, der kleinste Fehler wird mit einer Welle von Hater-Kommentaren bestraft, die einer Hexenjagd gleichen, und sie müssen immer stoisch lächeln, winken und Fanservice leisten, sonst drohen obendrein Bestrafungen seitens der Agentur, wie der koreanische Rapper Jay Park in einem Podcast verriet. Und so wirkt sich der Druck, ununterbrochen vermitteln zu müssen, glücklich zu sein sowie stets schön und makellos auszusehen, sehr negativ auf die Psyche der Musiker aus: Von Magersucht (die Agenturen lassen das Gewicht der Stars streng von den Managern kontrollieren, wie der Korea Herald weiß – weibliche Idole wiegen in der Regel kaum mehr als 40 bis 45 Kilogramm, während männliche Idole weniger als 60 Kilogramm wiegen müssen), über Panikzustände und Depressionen bis hin zum Suizid gibt es nichts, was nicht beunruhigend häufig in der K-Pop-Industrie vorkommt.

Erst kürzlich führten die unerbittlichen Kommentare und die vielen verurteilenden Artikel im Netz zum Suizid der Sängerin und Schauspielerin Sulli. Und nur zwei Jahre zuvor nahm sich ihr Label-Kollege Jonghyun von der K-Pop-Boygroup SHINee das Leben. Erst diesen November wurde auch eine ihrer besten Freundinnen, Goo Hara von der aufgelösten Gruppe KARA, tot in ihrem Apartment aufgefunden (Dailymail.co.uk berichtete). Wie die zuvor genannten Stars litt auch sie bekanntermaßen an schweren Depressionen und wurde schon Anfang des Jahres wegen eines misslungenen Suizidversuchs im Krankenhaus behandelt – nur um wenige Wochen danach sofort wieder auf Tour gehen zu müssen. Derart tragische Fälle ereignen sich anscheinend immer wieder und nicht „nur“ in der K-Pop-Szene – das gesamte koreanische Showbiz ist entsprechend jüngster Meldungen davon betroffen: Erst am 03. Dezember fand man den Schauspieler und Sänger Cha In-ha – unter bislang ungeklärten Umständen (Stand: 04. Dezember 2019) – mit nur 27 Jahren tot in seiner Wohnung auf, wie unter anderem die BBC berichtete.

K-Pop Fans Heart
K-Pop-Idols werden häufig als persönliche Freunde der Fans vermarktet.

Es ist nun einmal nicht nur Unterhaltung, die man von den südkoreanischen Künstlern erwartet, es ist Perfektion. Sie haben einwandfreie, charakterlose Roboter zu sein, die nur zum Vergnügen der Öffentlichkeit existieren, so scheint es. Dieses Muster hat sich insbesondere in Bezug auf K-Pop-Stars verfestigt. Aufgrund ihrer Vermarktung als persönliche/r Freund/in der Fans verbieten die meisten Agenturen ihren Musikern sogar, romantische Beziehungen zu führen, wie man etwa bei den Kyunghyang Daily News erfahren konnte. Und wenn die Idole dann doch einmal daten dürfen und das dann herauskommt, wenden sich die Fans letztlich oftmals gegen ihre früheren Lieblinge, so wie im Fall von EXOs Baekhyun und Taeyeon von Girls Generation: Als bekanntgegeben wurde, dass die beiden ein Paar sind, wurden beide Idole boykottiert, und es gab sogar Petitionen von Fans, dass sie ihre Gruppen verlassen und sich umbringen sollten. Immerhin wurden diese beiden Musiker von ihrem Label unterstützt. E‘Dawn von Pentagon und die Sängerin Hyuna dagegen wurden von ihrem Studio rausgeschmissen, als diesem die Neuigkeit zugetragen wurde, dass die beiden eine Liebesbeziehung führen.

Die Krux mit den Fans – und Hatern

Selbst eine große und loyale Fanbase bedeutet nicht immer etwas Gutes. In der K-Pop-Industrie findet man Scharen fanatischer Anhänger: „Saesangs“, welche alles dafür tun würden, um ihren Stars nahe zu sein. Sie kennen keine Grenzen, wenn es um ihre Obsession mit ihren Idolen geht und weisen häufig irrationales und stalkerisches Verhalten auf, jagen ihren Lieblingsbands in Taxis hinterher, installieren Kameras in den Hotelräumen oder schmieren ihre eigenen Fäkalien an die Türschwelle der Musiker, so das Online-Magazin Ansoko.info.

K-Pop Fans
Bei K-Pop-Konzerten herrscht auch unter den Fans abseits der Bühne buntes Treiben.

Im Gegensatz zum Westen, wo derart extreme Fälle eher spärlich auftreten, sind Saesangs in Südkorea eine fast schon normale Begleiterscheinung der Industrie – eine direkte Folge der Nähe und Zugänglichkeit, die beim K-Pop zwischen Fans und Stars betont und von normalen Anhängern sehr geschätzt wird. Was einerseits also den Reiz des Genres steigert, führt gleichzeitig auch zu einer seiner größten Schattenseiten. Und so sind auch die Hater der K-Pop-Bands umso bösartiger; versuchen mitunter tatsächlich, die K-Pop-Stars zu töten: In einem Fall vergiftete ein Hater den Cocktail des Sängers Yunho vom K-Pop-Duo TVXQ, da er dessen (scheinbar) gute Laune im Fernsehen nicht ausstehen konnte, während er selbst schlechte Zeiten durchlebte (allkpop.com berichtete). Der Sänger musste danach zwar mehrere Tage im Krankenhaus verbringen, kam aber so gesehen noch glimpflich davon.

Fazit

K-Pop, ein Musikstil, der Menschen über den ganzen Globus hinweg verzaubert, unterhält und verbindet – und zugleich auch eine der härtesten Industrien im Showgeschäft darstellt. Unter der schillernden und farbenfrohen Fassade aus einprägsamen Ohrwürmern und süßen Outfits stecken unmoralische Handlungsabläufe und  ein eiskaltes Business, in dem Menschenrechte oft dem Profit und den Gelüsten der Machthabenden unterstellt sind. Doch obwohl das restriktive System sowohl das persönliche als auch das öffentliche Leben der Idole mitunter sehr stark einschränkt, beweist das steigende Bewusstsein der Öffentlichkeit und die stärkere Regulierung des Staates, dass das Genre sich mit seinen Fehlern auseinandersetzen und daraus lernen kann.

Die Hallyu-Welle selbst ist derzeit trotz – und vielleicht gerade wegen – des harten Systems so präsent wie nie zuvor; das Interesse an K-Pop auf globaler Ebene ununterbrochen hoch. Vielleicht wird der Hype um dieses Phänomen in ein paar Jahren allmählich abebben und K-Pop wird wieder zu dem musikalischen Nischen-Stil, der es ursprünglich einmal war und der jenseits von Asien nur vage wahrgenommen wurde. Vielleicht wird der Erfolg dieses Genres aber auch von Dauer sein und zu einem internationalen Standard in der Musik-Szene. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt!? Auf jeden Fall kann man sicher sein, dass das Phänomen K-Pop auch künftig weiterhin viele spannende Entwicklungen und kurzweiliges Entertainment liefern wird.

Quellen

Studien und Regulierungen

http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_national/738499.html
http://koreajoongangdaily.joins.com/news/article/article.aspx?aid=2919766
http://law.go.kr/lsInfoP.do?lsiSeq=150755#0000
http://www.koreaherald.com/view.php?ud=20150512000960

Berichte von und über K-Pop-Idols

https://abcnews.go.com/International/deaths-goo-hara-sulli-highlight-tremendous-pressures-pop/story?id=67303374
https://www.allkpop.com/article/2011/02/tvxqs-yunho-finally-talks-about-being-poisoned-by-an-anti
https://www.bbc.com/news/world-asia-50652388
https://www.dailymail.co.uk/news/article-7719945/K-Pop-star-Goo-Hara-28-dead-home-six-months-suicide-attempt.html
https://www.koreaboo.com/news/jay-park-talks-physical-abuse-within-jyp-entertainment/
https://www.koreaboo.com/stories/park-jin-young-reveals-why-jyps-dating-ban-had-to-be-changed/
https://www.koreaboo.com/news/twice-momo-went-extreme-lengths-lose-15-pounds-debut/
https://www.sbs.com.au/popasia/blog/2018/01/29/how-much-money-k-pop-idol-makes-according-former-k-pop-idol

K-Pop Allgemein

http://seoulbeats.com/2012/06/the-babies-of-k-pop-how-young-is-too-young/
http://seoulbeats.com/2013/09/win-cost-review-win/
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_fastest-selling_products
https://hypebae.com/2019/7/biggest-k-pop-companies-sm-yg-jyp-big-hit-bts-blackpink-red-velvet-itzy
https://www.ansoko.info/9-extrem-beaengstigende-sasaeng-storys/
https://www.bloomberg.com/news/articles/2017-08-22/the-4-7-billion-k-pop-industry-chases-its-michael-jackson-moment
https://www.diggitmagazine.com/papers/will-k-pop-conquer-world
https://www.hollywoodreporter.com/news/bts-global-fame-k-pop-could-still-get-bigger-1244581

Sexuelles Sponsoring 

http://seoulbeats.com/2011/08/sponsorship-in-korea-a-price-to-pay-for-fame/
http://seoulbeats.com/2012/04/open-world-entertainment-and-the-ugly-side-of-kpop/
http://seoulbeats.com/2017/06/the-k-pop-casting-couch-sexual-coercion-by-entertainment-suits/
https://en.wikipedia.org/wiki/Sexualization_and_sexual_exploitation_in_K-pop
https://www.allkpop.com/article/2013/06/open-world-entertainment-ceo-jang-suk-woos-six-year-jail-sentence-for-sexual-assault-finalized
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https://www.theguardian.com/world/2009/apr/01/south-korea-entertaiment-jang-jayeon
https://www.wsj.com/articles/south-korea-struggles-to-confront-stigma-of-sexual-assaults-1382601988?tesla=y

Verträge und Ausnutzung

http://beyondhallyu.com/k-pop/k-pop-slave-contracts-a-closer-look/
https://en.wikipedia.org/wiki/Slave_contract
https://www.dongbanger.com/2009/details-of-tvxqs-slave-contract-are-revealed/

Beauty-Standards

http://www.koreaherald.com/view.php?ud=20160926000372
https://www.hellokpop.com/editorial/facing-the-truth-k-pop-and-plastic-surgery/
https://www.koreaboo.com/lists/11-idols-attempt-dangerous-starvation-diets/
https://www.theatlantic.com/health/archive/2013/05/the-k-pop-plastic-surgery-obsession/276215/

Agenturen und ihre Regeln

http://english.khan.co.kr/khan_art_view.html?code=790102&artid=201208061524417&medid=enkh
http://www.koreaherald.com/view.php?ud=20140326001189
https://psiloveyou.xyz/the-k-pop-industry-dating-ban-219c8c0068fd

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