Bryan Ferry and his Orchestra – Bittersweet

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Ein Schelm, wer dahinter Kalkül vermutet: Der ehemalige Roxy-Music-Sänger veröffentlicht mit Orchester sein aktuelles Album „Bitter-Sweet“ mit Jazz- und Swing-Versionen aus seinem Back-Katalog, nach ebensolchen musikalischen Auftritten in der stark beworbenen Serie „Babylon Berlin“.

Das Konzept beackert Ferry indes schon länger: Unter dem Namen „Bryan Ferry Orchestra“ wurde 2012 das Album „The Jazz Age“ veröffentlicht, bei dem Ferry allerdings nur Pate stand, ohne direkte Mitwirkung – hier ließ er nur nostalgische Instrumentalversionen im Stil der 1920er Jahre aufnehmen. Danach folgten einzelne Soundtrack-Beiträge.

Auf „Bitter-Sweet“ singt Ferry bei den meisten Stücken. „Alphaville“ beginnt minimalistisch mit straffer, tango-ähnlicher Rhythmik und Streicher-Einwürfen, mit unterschwelliger, dezenter Dramatik. Der 73-Jährige Ferry singt gehaucht, fast stimmlos. Das fast flatternde Vibrato ist Geschmackssache, aber auch mit leicht gebrochenem Timbre funktioniert sein Gesang als spannende Erzählung, der man immer noch gerne zuhört. In „Reason Or Rhyme“ zwickt das Banjo gleichmäßig wie treibend in abgedämpft-perkussiven Akkorden als Schlagrhythmus. „Sign Of The Times“ ist als flotte instrumentale Dixieland-Nummer mit Saxofon-Solo arrangiert.

Melodramatischer erscheint „New Town“, mit interessanten Melodiebögen im Arrangement eines der Highlights. Da quieken die Trompeten fleißig zwischen Ragtime und Swing, samt Klarinette im Stil von Benny Goodman. Ein weiterer Höhepunkt: Das instrumentale, mit Saxofon zart-beschwingt gestaltete „Dance Away“, das die Songwriting-Qualitäten von Ferry abermals unterstreicht. Ebenso interessant: Das schwermütig mit Klarinette, Klavier, Streichern und Kastagnetten dargebotene „Boys And Girls“ aus Ferrys gleichnamigem Soloalbum.

Über der Produktion scheint eine leichte klangliche „Patina“ zu liegen, die aber nur gelegentlich auf 20er-Jahre-Effekthascherei setzt: Bei einzelnen Stücken liegt auf Trompetenklängen und Streichern künstlich wirkende „Grammofon-Ästhetik“ ohne Bass und Höhen, dafür mit fast hupenden Hochmitten. Kein Vergleich allerdings zum Vorgänger „The Jazz Age“, der in aufgesetzter Nostalgieästhetik zu ertrinken drohte. Dagegen erscheint „Bitter-Sweet“ alles andere als ein halbherziger Schnellschuss: Klanglich recht füllig produziert, zeigen die ästhetisch „unverengten“ Stücke, wie Swing klingen kann, ohne die technischen Einschränkungen des frühen 20.Jahrhunderts, auf die die damaligen Musiker vermutlich gerne verzichtet hätten. Umgekehrt degradiert der künstlich eingesetzte Effekt die Stücke des Ferry-Albums teilweise zur Zeitgeist-Modeerscheinung. Bei manchen Stücken – etwa „Sea Breezes“ macht sich leichte Schärfe im Obertonspektrum bemerkbar. Die Stimme ist hingegen auf dem gesamten Album angenehm „greifbar“ im Mix platziert. Die Platte dürfte auch über die Halbwertszeit der vorausgegangenen Fernsehserie hinaus als interessanter Bestandteil Ferrys Katalogs existieren.

BEWERTUNG BRYAN FERRY AND HIS ORCHESTRA – BITTER-SWEET

Musik 7
Klang 8
So testet und bewertet mobilefidelity magazin.

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