Bob Dylan – Rough and Rowdy Ways

Bob Dylan hat sich auf seinen drei letzten Platten mit Cover-Versionen des klassischen amerikanischen Songbooks beschäftigt. Mit „Tempest“ erschien 2012 zuletzt ein Album mit eigenem Material, aktuell folgt mit „Rough and Rowdy Ways” wieder ein Studioalbum mit neuen Kompositionen. Insgesamt handelt es sich um Dylans 39. Studioplatte. Ob der 79-Jährige hiermit wohl ein interessantes Spätwerk liefert?

Ambient-Country-Blues-Folk

Das neue Album startet mit dem ruhigen „I Contain Multitudes“, einer der beiden Vorab-Singles: Über sanfte Akustik- und E-Gitarren-Texturen sowie Pedal-Steel-Einwürfen sinniert Bob Dylan als Erzähler einen gelungenen pointierten Text („I’m a man of contradictions / I’m a man of many moons / I contain multitudes“). Dylan klingt dabei ungewohnt entspannt, nur in Ansätzen nölig und belegt-kratzig. Musikalisch bewegt sich das Stück zwischen Country, atmosphärischem Folk und angedeutetem Ragtime. Das macht Spaß und klingt spannend, die Ungezwungenheit erinnert mitunter an Leonard Cohen – ein Hörtipp.

„False Prophet“ ist klassischer schleppender Dylan-Blues-Rock, rau und mit dezentem Schlagzeug – ebenfalls spannend und weit interessanter als manches Blues-Schema seiner letzten Songs. Textlich schwankt er zwischen abgeklärtem Zynismus und sarkastischem Selbstbewusstsein („I’m first among equals / Second to none / The last of the best / You can bury the rest“). Ob man ihm das hier leicht aufgesetzt wirkende Kratzen im Gesang abnimmt, muss jeder Hörer für sich selbst entscheiden.

Zwischen Saloon und Walzer

Das zurückhaltende „My Own Version of You“ bietet mit Besen gespielten Blues-Folk, mit interessanten Harmonien und tollen Pedal-Steel-Atmosphären. Langsamer als das folgende, schwofig-beschwingte „I’ve Made up My Mind to Give Myself to You“ geht es fast nicht, aber auch mit der Ballade, die gefühlt einen Saloon nach Mitternacht abbildet und von Hingabe erzählt, nimmt Bob Dylan den Hörer mit. Hier erinnert Bob Dylan an die unaufdringliche Gelassenheit Neil Youngs bei „Harvest Moon“.

„Goodbye Jimmy Reed“ ist hingegen ein leicht treibender Blues-Stomper, bei dem Bob Dylan dank gelungener Textrhythmik dem Blues-Schema noch interessante Nuancen  abgewinnen kann. Bei „Mother of Muses“ klingt wieder die Ruhe von Leonard Cohen (zur Plattenkritik von „Thanks for the Dance“) und etwa Mark Knopfler an – die grundtönige, wunderschöne Hymne ist schon allein den Kauf des Albums wert. Ähnliches gilt für das moll-lastige „Key West (Philosopher Pirate)“ mit Akkordeon und Strat-Gitarren-Licks in Knopfler-Ästhetik (zur Plattenkritik von „Down the Road Wherever“). Das knapp 17-minütige „Murder Most Foul“ – die zweite Vorab-Single – schließt das Album: Bob Dylan bietet mit „Rough and Rowdy Ways“ ein Panoptikum der amerikanischen Geschichte, ausgehend vom Tod John F. Kennedys und dem anschließenden, gefühlten politischen wie sozialen Niedergang – eine fast hörbuchartige Erzählung, untermalt von gelungenen Piano-Kaskaden vom ehemaligen Tom Petty & The Heartbreakers-Musiker Benmont Tench III, dazu Cello.

Gelungener Klang

Der Beginn verspricht ein klanglich gelungenes Album: „I Contain Multitudes“ klingt füllig, greifbar, mit dreidimensionalen Einzelsignalen. Dylans Gesang ist etwas belegt aufgenommen, aber ebenfalls griffig. Bei einigen Stücken wird jenes Potenzial ähnlich gut umgesetzt, mit kleinen Ausnahmen: „My Own Version of You“ ist unangenehm trocken, fast ‚pappig‘, als wäre es in einem sehr kompakten Raum aufgenommen worden. Zudem sind die Einzelsignale weniger gut ortbar. Am Ende bleibt eine musikalisch besondere und klanglich recht gut gelungene neue Platte vpn Bob Dylan – in Sachen ‚Spätwerk‘ musikalisch ähnlich reif und stimmig wie Leonard Cohens letzte Alben.

BEWERTUNG BOB DYLAN – ROUGH AND ROWDY WAYS

TESTERGEBNIS Punkte
Musik 9
Klang 8
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