Austrian Audio Hi-X50 – Der Ohrenschmeichler: Ein Interview mit Chefentwickler Bernhard Pinter

Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass Bernhard Pinter, Senior Acoustics Engineer bei Austrian Audio, die Art und Weise, wie Millionen von Menschen Musik hören, entscheidend mitgeprägt hat. Seine Kopfhörer-Entwicklungen werden in fast allen Tonstudios der Welt eingesetzt. Und es dürfte in diesem Bereich nur wenige Menschen geben, die mehr Erfahrung und Know-how haben als Bernhard Pinter.

Das große Austrian Audio Interview mit Bernhard Pinter

Unser Autor Raphael Tschernuth hatte die Chance dem Chefentwickler des noch jungen Wiener Unternehmens Austrian Audio zur Vorstellung des Austrian Audio Hi-X50 (zum Test) ein Interview zu entlocken:

? Raphael: Lieber Bernhard, erzähl‘ doch bitte kurz, wie du bei Austrian Audio gelandet bist? Warst du ursprünglich ebenfalls Mitarbeiter bei AKG – und wenn ja, was waren dort deine Projekte?

! Bernhard: Hallo Raphael. Ja, ich bin seit dem ersten Tag bei Austrian Audio dabei und komme, wie die meisten Mitarbeiter von uns, ursprünglich von AKG. Dort war ich seit 1998 durchgehend in der Akustik-Entwicklung tätig. Begonnen habe ich mit der Entwicklung von dynamischen Lautsprechern für die Telekom-Industrie. Parallel war ich im Team der Entwicklung des XXL-Wandlers für die Updates der legendären Kopfhörer K240, K141, K271 und vieler weiterer Modelle. Meine erste eigene Kopfhörer-Entwicklung waren dann der K701 und dessen Familie K601, K702, K712, und so weiter. Von diesem Zeitpunkt an entwickelte ich alle professionellen AKG-Kopfhörer. Die interessantesten Produkte waren vor allem die K8XX-Serie, wie die Over-Ears K812 und AKG K872 (zum Test) sowie der K3003 High-End In-Ear.

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Der Over-Ear-Kopfhörer AKG K872 – entwickelt vom heutigen Chefentwickler bei Austrian Audio: Bernhard Pinter

Im Consumer-Bereich waren es vor allem einerseits der K550 und K545, die K701-Serie und die portablen ohraufliegenden Kopfhörer K420, K430 und K450. Hier gab es für die „Qunicy Jones Signature Serie“ spezielle Varianten wie den Q701 und den Q460. Auch für DJ Tiesto stimmte ich an der eigenen „DJ Headphones“-Serie die Akustik ab. Bei dem Topmodell K267 konnte man zum Beispiel mit einem mechanischen Drehrad die Bässe selbst beeinflussen. All meine Erfahrung und Expertise fließt jetzt natürlich in die Entwicklung neuer Kopfhörer von Austrian Audio ein. Ihr könnt zurecht gespannt sein, was noch alles von uns kommen wird.

? Raphael: Wie groß ist denn aktuell dein Team, mit dem du am Austrian Audio Hi-X50 und Austrian Audio Hi-X55 gearbeitet hast?

! Bernhard: Das Kernteam bestand aus circa acht bis zehn Personen, wobei natürlich jeder Mitarbeiter von Austrian Audio in irgendeiner Weise zum Gelingen beigetragen hat.

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Das Team von Austrian Audio – Vierter von rechts: Chefentwickler Bernhard Pinter

? Raphael: Welche Anforderungen und Features waren dir bei den Kopfhörern von Austrian Audio besonders wichtig?

! Bernhard: Ich glaube, der gute Sound versteht sich von selbst, aber auch die gute Schallisolation in Verbindung mit einem hohen Komfort hatte hohe Priorität für mich. Vor allem bei dichten Kopfhörern ist es nie leicht einen guten Tragekomfort zu gewährleisten – das heißt, das Design der Ohrpölster in Verbindung mit einem geringen Anpressdruck ist hier ausschlaggebend. Ich wollte für unsere professionellen Anwender ein Werkzeug entwickeln, mit dem sie stundenlang arbeiten können, und für die Consumer einen Kopfhörer, der für jeden Musikgeschmack das beste Ergebnis erzielt. 

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Der Austrian Audio Hi-X50 liefert auch an DAPs wie dem iBasso DX220 ab.

Ein großes Feature der Hi-X-Serie ist die enorme Schallisolation und die große Empfindlichkeit und Linearität durch das eigene Treiberdesign. Somit liefert der Hörer auch an eher schwachen Quellen, wie mobilen Geräten, keine Einbußen in der Performance. Daher eignet sich der Austrian Audio Hi-X50 zum Beispiel auch ganz hervorragend zum Betrieb an Smartphones, Digital Audio Playern, Kameras und Notebooks.

Bernhard Pinter zum Entwicklungs- und Fertigungsprozess sowie zur Technik der Kopfhörer von Austrian Audio

? Raphael: Und was sind die einzelnen Schritte in der Entwicklung?

! Bernhard: Seit dem ersten Tag bei Austrian Audio habe ich schon am Treiberdesign des 44Hi-XD-Wandlers experimentiert. Es war für mich klar das Ziel, hier einen eigenen Wandler zu entwickeln. Schon früh entstanden erste Lautsprecher-Designs, die mit dem 3D-Drucker und Prototypen-Werkzeugen zusammengebaut und getestet wurden. Es wurde mit Membran-Materialien, Magnetkonzepten und Spulenvarianten experimentiert und eine erste Variante fertig für den Einbau entwickelt.

Parallel wurde am Industrial Design des Kopfhörers gearbeitet, und daraus wurden dann die ersten Prototypen erstellt. Für die Akustik war hier das Polsterkonzept ein wichtiger Punkt. Wir wollten dem Kunden hier viel „Ohrfreiheit“ bieten, um den Tragekomfort zu verbessern. Nach der Freigabe eines ersten Prototypen wurde dann mit der Industrialisierung begonnen. Dabei wurden verschiedene branchenübliche Testphasen und Betatests durchlaufen, bis dann endgültig die Serienproduktion starten konnte.

? Raphael: Gibt es denn ein bestimmtes Feature bei deinen neuen Kopfhörern, auf das du als Entwickler besonders stolz bist?

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Die Austrian Audio Hörer hat man dank der bequemen Ohrpolster auch gern mal länger auf den Ohren.

! Bernhard: Ja, aus akustischer Sicht bin ich auf die hohe Linearität bis in die tiefsten Frequenzen stolz. Es gibt wenige Hörer, die im Subbassbereich bei hohen Schalldruckpegeln eine so geringe Verzerrung aufweisen. 110 dB SPL und höher können hier ohne Probleme wiedergegeben werden. Beim Austrian Audio Hi-X50 finde ich auch unser Polsterdesign für einen ohraufliegenden Kopfhörer mit das komfortabelste, das man auf dem Markt findet.

? Raphael: Wie lange hat die Entwicklung des Austrian Audio Hi-X50 und Austrian Audio Hi-X55 gedauert?

! Bernhard: Wie gesagt, habe ich schon seit der Gründung von Austrian Audio im Juli 2017 in meinen Gedanken begonnen, den 44Hi-XD-Wandler zu entwickeln, da es klar war, dass es früher oder später Kopfhörer von Austrian Audio geben wird. Im zweiten Quartal 2018 wurde dann das Industrial Design gestartet. Anfang dieses Jahres kam der Over-Ear Austrian Audio Hi-X55 (zum Test) auf den Markt, und nun folgt der On-Ear Austrian Audio Hi-X50.

? Raphael: Was waren für dich und dein Team die größten Hürden bei der Entwicklung?

! Bernhard: Aus technischer Sicht sicherlich unser Anspruch auf hohe Qualität, was sich beispielsweise auch an vielen Metallteilen zeigt. Austrian Audio war ja zu Beginn eine komplett neue Firma. Wir mussten neben der eigentlichen Produktentwicklung auch die gesamte Logistik, Fertigung und Messtechnik aufbauen, was den Projektablauf hin und wieder schwierig gestaltete.

? Raphael: Klanglich finde ich die beiden Austrian Audio Kopfhörer sehr unterschiedlich, welche Idee steckt dahinter?

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Das On-Ear-Modell aus dem Hause Austrian Audio, der Hi-X50

! Bernhard: Verschiedene Kunden haben verschiedene Anforderungen beziehungsweise Gewohnheiten. Wir wollten mit dem Austrian Audio Hi-X50 eine breitere Kundenschicht ansprechen. Eine komplett gleiche Abstimmung trotz gleichem Lautsprecher ist aber auch nur bedingt möglich, da zum Beispiel das Volumen im Polster vor dem Lautsprecher bei einem On-Ear-Kopfhörer viel kleiner ist und das Polster komplett anders aufgebaut ist. Ein Kopfhörer wird auch allein schon durch individuelle Tragesituationen an verschiedenen Personen geringfügig unterschiedlich klingen. Ein Beispiel hier ist das schwankende Vorvolumen unter dem Polster durch unterschiedliche Anpressdrücke oder Ohr-Geometrien.

? Raphael: Ich kann mir vorstellen, dass das ein extrem schwieriges Unterfangen ist, all die individuellen Unterschiede in Betracht zu ziehen. Kleidungsstücke gibt es in verschiedenen Größen – bei einem Kopfhörer lässt sich meist, bis auf den verstellbaren Bügel, weder die Größe der Ohrmuscheln noch der Anpressdruck einstellen. Wie geht man damit als Hersteller um, wenn man ein Produkt entwickelt, das allen Menschen gleich gut passen soll?

! Bernhard: Wir haben hier Standards beziehungsweise interne Designvorgaben. Das bedeutet, wir haben für uns einen Größt- und Kleinstkopf definiert, und unsere Mechanik-Konstrukteure haben langjährige Erfahrung im Bügeldesign, damit hier der Anpressdruck im gesamten Arbeitsbereich möglichst konstant bleibt. Das ist sicherlich eine unserer Hauptkompetenzen: einen echt komfortablen Kopfhörer herzustellen.

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Der ohrumschließende Austrian Audio Hi-X55 im Einsatz

Aber ja, jeder Anwender nimmt den Klang eines Kopfhörers zwangsläufig anders wahr. Manche Menschen haben einen längeren Gehörgang, bei anderen ist er kürzer und enger. Der Klang wird immer unterschiedlich gebündelt. Ist jemand Bart- oder Brillenträger, kann das ebenfalls einen großen Einfluss auf den Klang haben, da das Ohrpolster unter Umständen nicht mehr komplett abschließt. Bei einem ohrumschließenden Kopfhörer spielt natürlich auch die Masse und Formung des Ohres eine große Rolle; sie definiert das Volumen – und, welche Reflexionen entstehen. Es gibt also sehr viele verschiedene Variablen, und auch die diversen internationalen Messsysteme unterscheiden sich erheblich. Manche Methoden messen etwa im Gehörgang, andere davor – das lässt sich ebenfalls schlecht standardisieren.

Da unsere beiden Hörer sehr dichte Hörer sind, wurden Sie auch so abgestimmt. In der Praxis heißt das, dass sich ihr jeweiliger Frequenzgang verändert, wenn sie nicht dicht aufliegen. Es ist für den Anwender also nicht von Vorteil die Hörer etwa über einer Hoodie-Kapuze zu tragen. Man verliert dadurch Tiefbässe und Höhen, das ganze Klangbild verändert sich.

? Raphael: Welche Bedeutung kommt bei einem Kopfhörer den Ear-Pads zu? Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass Pads von Drittherstellern den Klang extrem verändern können. Welche Faktoren beeinflussen dabei den Klang?

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Bei Austrian Audio wird unter anderem höchster Wert auf die Qualität der verbauten Ohrpolster gelegt.

! Bernhard: Man sollte es nicht glauben, aber die Ohrpolster sind nicht nur für den Komfort, sondern auch für das akustische Tuning extrem wichtig. Das Polster kann mehr oder weniger interne Reflexionen dämpfen oder verstärken, es trägt zur Schallisolation bei, kann Bügelschwingungen dämpfen, und so weiter. Wenn das Polster zum Beispiel innen offen ist, also einzelne Löcher an der Innenseite des Überzugsmaterials gestanzt sind, können bei geeigneten Schaumstoffmaterialien manche Frequenzbereiche angehoben oder gesenkt werden. Und auch unser gewählter Memory Foam hat neben dem besseren Tragekomfort auch diesbezüglich gute Eigenschaften.

Wenn große Stückzahlen im Spiel sind, kaufen viele andere Hersteller ihren Schaumstoff meist in riesengroßen Blöcken. Diese haben aber oft keine akustische Zertifizierung, und ein Stück aus der Mitte des Blocks kann ganz andere akustische Eigenschaften besitzen als eines vom Rand. Wir haben deshalb unseren Memory Foam mit viel Sorgfalt ausgewählt – nicht nur bezüglich des Komforts, sondern auch speziell in puncto Klang. Das Polster des Austrian Audio Hi-X50 ist bei genauerer Betrachtung im Innern offen.

? Raphael: Und wie sieht dann die Endphase der Kopfhörer-Entwicklung aus? Wie entscheidet ihr euch bei Austrian Audio für ein Modell und dessen spezifische klangliche Abstimmung, bevor es in Serie geht?

! Bernhard: Natürlich haben wir beim Austrian Audio Hi-X50 neben hausinternen Alpha-Tests auch Beta-Tests mit „Friendly Customers“ – also treuen Kunden, die uns nahestehen – durchgeführt. Die mechanische Konstruktion war bei allen Hörern gleich. In der Endausscheidung  hatten wir dann drei verschiedene klangliche Tunings, unter denen man entscheiden musste. Das sich nun am Markt befindliche hat das Rennen gemacht.

Die Zukunft von Austrian Audio – Ein Ausblick

? Raphael: Wie viele Kopfhörer stellt ihr denn im Moment pro Woche her, und wie sieht deine weitere Planung aus?

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In seinem Bereich dürfte es nur wenige Menschen geben, die mehr Erfahrung und Know-how haben als der Chefentwickler von Austrian Audio, Bernhard Pinter.

! Bernhard: Genaue Zahlen kann ich dir leider nicht nennen, nur dass wir im Moment mehr Bestellungen reinbekommen als wir produzieren können. Das ist ein toller Ansporn, und als nächstes würde ich gerne noch weiter in den High-End-Bereich vordringen. Da wird es bestimmt in Zukunft auch etwas von Austrian Audio geben. Wir können zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nicht allzu viel verraten, aber für nächstes Jahr haben wir viel vor und arbeiten gerade sehr hart an neuen Produkten.

? Raphael: Wie steht Austrian Audio eigentlich zu Trends wie Drahtlos-/ True-Wireless-Kopfhörern und Active Noise Cancelling (ANC)? Wäre mit dem Know-how von Austrian Audio auch so etwas wie ein Spitzen-TWS-Modell, nicht nur für den Consumer- sondern auch für den Pro-Audio-Bereich, denkbar? 

! Bernhard: Diese Trends sind natürlich nicht unbemerkt an uns vorbeigegangen – und ja: Unser Entwicklerteam hat sehr viel Know-how in den Bereichen ANC und Wireless. Mehr darf ich dazu leider noch nicht verraten. 

? Raphael: Und wo soll es künftig mit Austrian Audio hingehen?

! Bernhard: Wir fokussieren uns bei Austrian Audio momentan bewusst auf den Pro-Audio-Bereich, weil das auch historisch gesehen ein sehr wichtiger Teil unserer Unternehmens-DNA ist. Wir wollen in der jetzigen Startphase des Unternehmens einmal in diesem Markt ordentlich Fuß fassen und uns einen Namen machen, bevor wir eventuell noch günstigere Produkte anbieten. Wir haben auch viele Kunden, die aus dem audiophilen Bereich kommen und unsere beiden Hörer sehr zu schätzen wissen. 

Aus unserer langjährigen Erfahrung wissen wir schließlich, dass es auch bei „Pro“-Geräten immer wieder Überschneidungen mit Consumer-  und  audiophilen Zielgruppen gibt.

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